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Stöckelschuhe

Minden Westfalen 1961
Fast unerreichbar, diese bordeauxfarbigen Wildlederpumps, mehr als eine Woche, schlich ich täglich um das Schaufenster des Schuhgeschäfts. Wie nur könnte ich das Geld aufbringen: 75 DM! Ein stolzer Preis, das magere Lehrlingseinkommen reichte hinten und vorne nicht.

Keck fragte ich die Verkäuferin: „Kann ich diese Schuhe auch in Raten bezahlen?“ „Natürlich, doch Sie müssen eine Anzahlung leisten.“

20 DM, meine „eiserne Reserve“, opferte ich für die Reservierung des Herzenswunsches. Blieben noch 55 DM Restschuld, ich vereinbarte je 20 DM in zwei Monatsraten, die noch fehlenden 15 DM legte ich dann bei der Abholung auf den Tisch (meine Patentante Leni spendierte sie mir).

Es versteht sich von selbst, dass ich meinen Füßen jegliches „meckern“ untersagte, wenn ich sie in diese fantastischen Schuhe steckte. Die Mädchen aus meiner Clique überboten sich mit der Höhe ihrer Bleistiftabsätze, 10 cm! Wow, Ritas weiße Stöckelschuhe hatten für kurze Zeit „Siegerstatus“, bis Anne uns mit ihren atemberaubenden 15cm hohen Lackstilettos überraschte.

Besonders im Winter litten meine Füße erheblich, stundenlanges Gestöckel durch Schnee und Eis bei minus 8°C, eingequetscht in enge Pumps, hatte selbst ich Verständnis dafür, diese Qual zu beenden. Ich legte mich rücklings auf den Teppich und zwängte die steif gefrorenen Zehen zwischen die warmen Heizkörperrippen, dort tauten sie dann auf vorwurfsvoll und rotverquollen, ein erbarmungswürdiger Anblick.

Am gemütlichsten aber war es für „sie“ in der Trianon Bar, an meinen Tanzpartner geschmiegt, wiegten wir uns, Elvis „Are You Lonesome Tonight“ im Ohr und Dean Martins geschmachtetes „That’s Amore “. Dahin schmelzend auf Augenhöhe, (dank meiner 12cm Absätze) in den siebten Himmel.

In den Pausen durften meine Füße vom Schuhwerk befreit, unter dem Tisch zusammen spielen, während ich mit Robert Cola Bacardi genoss. Doch eigentlich habe ich das „elegante Stöckeln“ nie gekonnt. Ich bekam einfach diesen graziösen Beckenschwung nicht hin, der sanfte Dreh meiner Hüften wollte mir partout nicht gelingen.

In der Familie hieß es, ich hätte diese typischen „Leonard“- Füße (ein Erbe der Großmutter aus väterlicher Linie). Bei dieser Bemerkung entdeckte ich eine süffisante Schadenfreude auf den Gesichtern meiner Verwandten.

Nicht ohne meine Stöckelschuhe, schwor ich mir dennoch unerbittlich und malträtierte weiterhin rücksichtslos die zugebenermaßen zu groß geratenen „39 1/2 halber“, missbrauchte sie ungeachtet ihres Grolls ohne den Anflug eines schlechten Gewissens.

Ein mit schmalen goldenen Riemchen verzierter Schuh-Traum, welchen ganze 15cm hohe Absätze schmückten, tanzte mit mir Sylvester inmitten einer fröhlichen Gesellschaft in das Jahr 1962 und dies fing gut an.

Der frühe Morgen blinzelte freundlich, müde stöckelte ich zu dem Taxi, mein rechter Fuß rebellierte, ich stolperte, der Absatz verfing sich in einem Gitterrost und mein Fuß ertrotzte sich fünf erholsame Wochen.

Galen

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