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Spurensuche

Minden / Westfalen 1952

Das Kopfsteinpflaster glänzt wie schwarzes Gold nach dem Regen, so wie damals, als wir auf der Bordsteinkante saßen und die Sonne sich wieder hervortraute nach einem kräftigen Sommergewitter. Brigitte, Marlies, Bernd und ich, tauschten voller Eifer bunte Glasmurmeln. Autos belagern heute den Rand des Bürgersteiges und ich sehe keine Kinder welche diesen herrlichen Sitzplatz vermissen könnten.

Die Häuser, ihrer großen Gärten beraubt, begrüßen mich, sind alte Vertraute. Gegenüber wohnte Ingrid, deren Veranda diente uns zu besonderen Spielen wie "Mutter und Kind“ oder "der Doktor kommt". Daneben Michaels Elternhaus, der semmelblonde Freund meines Bruders und Erika zog im Herbst aus Osnabrück in unsere Straße. Wir Kinder tobten sogleich mit der „Neuen“ im frühen Dunkel wild durch’s bunte Laub.

Die Mansardenwohnung in unserem Haus beherbergte Frau Marx, eine alte Dame. Sie begegnete uns nie, sie sei krank, tuschelten die Erwachsenen. Unser lärmendes Spiel im Hof mag bis zu ihren Ohren gedrungen sein, doch Kinder wissen nichts vom Sterben. Bis eines Tages die Mülltonne vor dem Haus gefüllt mit Pillenschachteln und kleinen braunen Fläschchen uns verriet, dass der Tod Frau Marx „geholt“ hatte. Eine Abordnung der Hausgemeinschaft trug das Blumenbukett, welches die Mitbewohner gemeinsam Frau Marx zum letzten Geleit spendierten.

Die Vorgärten, heute ein wenig verwildert, und die Jugendstilbalkongitter schreien nach frischer Farbe. Ich „sehe“ meine Mutter im Spätsommerlicht verborgen hinter den Efeuranken des Balkons, den Kaffee genießen.

Die pensionierten Studienrätinnen, zwei Schwestern, Ursula und Käthe bewohnten die Etage über der Belle Etage. Fräulein Käthe Blöhm, die kleinere, energischere, schenkte mir ein Poesiealbum zur Kommunion. Nachdem meine Lehrer mahnende Worte in diesem verewigten und ich es Agnes gab, weil sie so toll zeichnen konnte, Ilse, Waltraut und Karin es mit Lackbildern schmückten, bekritzelte ich die restlichen freien Seiten nach meinem Gusto. Wenn das Fräulein Blöhm wüsste, jammerte bedauernd meine Mutter.

Bei Regen spielten wir gern im Treppenhaus, jetzt wage ich einen Blick in dieses. Aufwändige Holzschnitzerei entlang des Treppengeländers, echter Marmor immer noch der Boden, wunderschön. Ich steige die Stufen empor, stehe vor unserer ehemaligen Wohnungstür, neben mir wohnte Bärbel. Ihr Vater ein Major a.D., begab sich täglich vorwurfsvoll schnaufend, die unter seinem Gewicht knarrende, Holztreppe hinab, hob seine rechte, buschige Augenbraue und klemmte umständlich das Monokel vor‘s Auge. Ehrfürchtig stumm beobachte ich ihn dabei, wenn wir uns zufällig begegneten. Denn Entfernungen lagen zwischen uns, mindestens so weit wie bis zum Mond. Und ich traute mich nicht sie zu benutzen, diese meine Kindheitsschelle derselben wunderschön verzierten mitdem blanken Messingknopf.

Galen

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