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Ägyptentörn

Das muss 1990 oder 1991 gewesen sein, gerade vor dem Jugoslawienkrieg - ich hatte ein Angebot, an einer Yachtrückstellung nach einer 1.000-Seemeilen-Regatta teilzunehmen - von Alexandria nach Zadar im damaligen Jugoslawien, und da die Schiffe dort ja jedenfalls wieder hinmussten, war die Sache auch relativ preiswert...

Für den Flug nach Ägypten hatte die Charterfirma nur angegeben, dass das Gewicht pro Person plus Gepäck 120 kg nicht überschreiten dürfe - natürlich kamen alle Teilnehmer mit riesigen Seesäcken und massenhaft Proviant daher. Die Flugleitung war entsetzt - mit ihr war das nicht abgesprochen gewesen, und sie fürchteten einen zusätzlichen Tankstopp, den dann die Charterfirma zahlen hätte müssen - der Sprit reichte dann aber doch locker bis zum Ziel...

Da die meisten Teilnehmer Ägypten noch nicht kannten, hatte sich die Firma breitschlagen lassen, noch einen Besichtigungstag einzuschieben, und der war voll ausgefüllt: eine Fahrt zu den Pyramiden von Gizeh, dann eine Busfahrt ein Stück nilaufwärts nach Sakkara - da waren bei mir schon zwei Filme voll - und abends mit dem Touristendampfer (Abendessen mit Bauchtanz) wieder zurück zum Hotel und am nächsten Morgen mit dem Bus durch die überquellende Megalopolis Kairo zum Hafen von Alexandria.

Dort waren unsere Schiffe nach der etwas stürmischen Regatta wieder einigermaßen überholt und gesäubert worden (wenn ein gestandener Regattasegler es schafft, an die Decke zu kotzen, dann ist das ein eindeutiges Indiz dafür, dass die Fahrt nicht allzu gemütlich war...) Inzwischen wurden die Mannschaften fleißig umverteilt - ich landete schließlich (nachdem ich schon drei andere Schiffe zugewiesen bekommen hatte) mit fünf Anderen auf einer schönen 45-Fuß-Sloop, und der Skipper war ein österreichischer Generalstabsoffizier - recht angenehm, der Mann hatte viel Erfahrung, und das Schiff hatte acht Kojen, so dass ich eine Doppelkabine für mich allein hatte. Die Formalitäten waren dann schnell erledigt, und bald verschwand die ägyptische Küste hinter uns am Horizont; und wir segelten bei leichtem Wind Richtung Kreta.

Wenn ich mich recht erinnere, ging das ca. zwei, drei Tage so dahin; dann frischte der Wind auf, wir mussten reffen und nochmals reffen, und als wir nachts die Leuchtfeuer auf Kreta in gebührendem Abstand passierten, hatten wir einen ausgewachsenen Sturm von neun Beaufort, mit Spitzen von 10 und 11... Die Fock hatten wir ganz geborgen und das Groß bis auf wenige Quadratmeter verkleinert und machten bei relativ gemäßigten Seegang (oder vielleicht sahen wir im Dunkeln nur nicht wie hoch die Wogen wirklich gingen) doch gute Fahrt in die richtige Richtung. Für Angst gab's eigentlich keinen Grund, wahrscheinlich auch weil's immer was zu tun gab, und als ich Freiwache hatte, war ich froh, noch ein wenig zum Schlafen zu kommen. Auch zu Lachen gab's was - die anderen Schiffe hatten wir ja bald aus den Augen verloren, nur ein Navigator gab per Funk seinen Standort durch, hatte sich aber offenbar verrechnet - unser Skipper, der am Funkgerät saß, antwortete jedenfalls "Also wenn Euer Standort stimmt, dann segelt Ihr jetzt gerade durch's Ida-Gebirge!" Am Morgen war der Sturm abgeebbt; wir hatten nur noch rauhe See bis zu den ionischen Inseln.

Natürlich waren wir einigermaßen nass geworden, und auch das Schiff hatte etwas Wasser genommen, so dass unter einigen Kojen ein wenig Wasser stand - da waren wir froh, in den ionischen Häfen ein wenig rasten und unser Zeug trocknen zu können. Oben am Mast war ein Fall aus der Führung gesprungen, und so bekam ich unerwartet die Gelegenheit, vom Bootsmannsstuhl aus unser Schiff aus 17 m Höhe fotografieren zu können. Unser Skipper konnte als Offizier den Stützpunkt des griechischen Militär-Yachtclubs benutzen, wir hatten so die Gelegenheit, im Offizierscasino von Kerkyra zu speisen. Leider beschloss er dann, noch am Abend abzulegen und (verbotenerweise) nachts die Meerenge zwischen Korfu und Albanien zu durchfahren. Der Wind war wieder aufgefrischt, verkehrte Richtung, Sicht Null, und wir mussten uns unter Motor eng an der Küste halten, um nicht in albanische Gewässer zu geraten. Ich hatte gerade Ruderwache, als plötzlich ein hässliches Knirschen zu hören war und unser Schiff eine anmutige Verbeugung machte. Ich legte sofort den Rückwärtsgang ein und gab Vollgas - aber wir hingen schon an einem unsichtbaren Riff fest. Erst nachdem wir einigen Ballast umgeräumt hatten und als sich Alle an den ausgebaumten Großbaum hängten, kamen wir frei. Leck war keines entstanden, und so konnten wir uns vorsichtig unseren Weiterweg der Küste entlang ertasten.

Gegen Morgen erreichten wir wieder offenes Meer und segelten mit großem Abstand die Küste entlang - die 'Wende' war ja dort noch nicht eingetreten, Albanien beanspruchte das Meer bis 20 sm von der Küstenlinie, und wir hatten wenig Lust, wegen Verletzung des Hoheitsgebietes in einem albanischen Gefängnis zu landen. Der Wind war angenehm frisch, wir machten gute Fahrt nordwärts, als plötzlich von Albanien her zwei grau gestrichene Schnellboote mit hoher Fahrt auf uns zu kamen. Unser Skipper wurde ganz blass - er dachte, wir wären vielleicht doch der Küste zu nahe gekommen - aber die beiden Schiffe liefen eine halbe Seemeile achtern an uns vorbei und hielten Kurs Italien. Auf der Brücke stand ein Mann und winkte uns zu. Ich winkte zurück und machte ein Foto, und wir waren froh, das Problem los zu sein - leider zu Unrecht. Fünf Minuten später kamen zwei weitere Schnellboote heran, bogen scharf zu uns her ab und kamen an beiden Seiten längsseits. Auf dem steuerbordseitigen tauchten zwei verwegen aussehende Individuen auf, und einer stellte eine Frage (wohl auf albanisch - verstehen konnten wir natürlich nichts) und machte dabei die Geste des Fotografierens. Ich verstand dass er wissen wollte, ob wir ein Foto gemacht hatten, und nickte. Nun bedeutete er mir, er wolle das haben. Meine gute OM4 wollte ich aber nicht aus der Hand geben, und so nahm ich den (gottseidank erst vor Kurzem eingelegten) Film heraus und warf ihm den zu. Er grinste und versenkte ihn mit Nonchalance im Meer. Währenddessen warf ein Anderer vom backbordseitigen Boot zwei Stangen Zigaretten auf unser Schiff, dann gaben sie Vollgas und rauschten mit hoher Bugwelle den anderen beiden Booten nach. Offenbar waren es Schmuggler gewesen, die gefälschte amerikanische Zigaretten auf den italienischen Schwarzmarkt brachten (es war irgendeine bekannte US-Marke - Lucky Strike oder Chesterfield o.ä. - als sich aber einer von uns eine anzündete, warf er sie bald über Bord und meinte, ein so scheußliches Kraut hätte er noch nie geraucht. Eine der beiden Stangen bekam ich als Ersatz für den verlorenen Film und habe sie später an einen Kollegen billig weiterverkauft - der meinte aber sie hätten ganz normal geschmeckt). Und die wollten natürlich auf keinem Foto verewigt sein - obwohl man natürlich auf diese Entfernung auch mit dem 200er Tele keine Einzelheiten erkennen hätte können.

Der Rest der Fahrt durch die kroatische Inselwelt war ruhig und schön, besonders das damals noch nicht zerschossene Dubrovnik (unter österreichischer Herrschaft hieß es Ragusa) ist mir noch großartig in Erinnerung, die Bucht von Kotor mit der alten österreichischen Seefestung mit U-Boot-Stützpunkt (Matrosenaufstand von Cattaro), und dem einsamen Kirchlein auf der winzigen 'Insel der Toten' (leider haben wir die zahmen Delphine dort nicht gesehen, nur Millionen toter Quallen); auf der letzten Insel haben wir uns um unser letztes Geld noch ein großartiges Abendessen geleistet (der mit Shrimps gefüllte Tintenfisch ist mir heute noch in bester Erinnerung; der Hummer, den sich der Skipper bestellte, war mir zu teuer, und ich bin auch mit dem dazugehörigen Werkzeug nicht recht vertraut) und liefen dann am Vormittag in Zadar ein. Dort checkten wir aus und erhielten unsere Fahrkarten nach Hause. Von dieser Fahrt habe ich eine Tafel mit den anzufahrenden Stationen abmontiert - es war nämlich darauf kein einziger Bahnhofsname außerhalb von Jugoslawien richtig geschrieben...
Jedenfalls waren es zwei recht ereignisreiche Wochen - und ein langer Diavortrag

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