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Etti schreibt: Unterm Apfelbaum

Das Haus, in dem Ayse und Ahmet wohnen, liegt dem Haus von Lisa genau gegenüber. In ihrem wie auch in Lisas Garten steht ein großer alter Apfelbaum. Diese Bäume waren der Grund, dass Lisa und Ayse eines Tages ins Gespräch kamen. Seitdem redeten sie oft miteinander, saßen mal gemütlich unter dem einen, mal unter dem anderen Baum bei duften-dem Tee oder Kaffee. Manchmal setzte sich auch Ahmet zu ihnen, erzähl-te von seiner Heimat und dem Leben in seinem Dorf in der Türkei. So wuchs allmählich unter den beiden Apfelbäumen eine Freundschaft.

In letzter Zeit sitzt Ahmet oft allein dort, versunken in Erinnerungen. Er hat jetzt viel Zeit. Als man ihn in den Vorruhestand schickte, war das noch nicht so, er musste ja das Haus herrichten, das er vor einigen Jah-ren gekauft hatte - das Haus, in dem er einige Wochen nach seiner An-kunft in Deutschland schon mal als Mieter gewohnt hatte. Die Arbeit hat sich gelohnt.
Es ist ein schönes Haus geworden - wirklich - und der Garten mal erst. Ahmet muss wohl mit seinen Gedanken in seiner türkischen Heimat ge-wesen sein, als er die Beete angelegt und eine Bank unter den Apfelbaum gestellt hatte. Alles ist so wie im Garten seiner Kindheit. Manchmal glaubt er sogar, die Schritte seiner Mutter auf den festgetretenen Wegen zu hören, die rhythmischen Schläge, wenn sie die Hacke in den Boden trieb, um die aufgerissene trockene Erde zu lockern, hört ihr Lied, das sie nach getaner Arbeit sang, wenn sie sich unter den Apfelbaum setzte.

Nun ist Ahmed auch mit dem Garten fertig und beginnt seine Arbeit zu vermissen, die am Haus und die in der Fabrik. Auch die Gespräche mit seinen Kollegen fehlen ihm. Da ist zwar Rudi, sein Nachbar. Aber der hat sich so verändert seit er Rentner ist, weiß nichts mit sich anzufangen, liegt den ganzen Tag mit einem Kissen vor dem Bauch im Fenster; und sieht er Ahmed, sagt er immer den gleichen Satz: „Siehste Ahmet, jetzt brauchense uns nich mehr!“ So wie Rudi möchte Ahmed nicht in den Tag hineinleben.
Wenn nur die ungewohnte Stille nicht wäre. Jahr für Jahr war das Dröh-nen der Maschinen in der Fabrikhalle Bestandteil seines Lebens gewesen, dann kam das Zimmern und Hämmern an seinem Haus, und jetzt stört diese Stille, die fast schmerzt und sich nicht mit seinem Inneren in Ein-klang bringen lässt - in Einklang mit dem hektischen Durcheinander sei-ner Gedanken. Auch Ayse, die sowieso nicht allzu gesprächig ist, scheint auch immer mehr zu verstummen, seit die Kinder aus dem Haus sind. Meistens hört er sie in der Küche hantieren oder gemeinsam mit der Nähmaschine eine Melodie summen. Dann setzt sich Ahmed unter den Apfelbaum und überdenkt sein Leben.
Wie jung war er doch damals gewesen, als er aus seinem Dorf in Anatoli-en in dieses Land gekommen war. Deutschland bedeutete Arbeit - raus aus der Armut und mit dem Gefühl, gebraucht zu werden. Fünfundzwan-zig war er und ahnte nicht, dass er so lange bleiben würde. - Wie ein Sturm waren die vergangenen Jahre durch sein Leben gebraust ... Er denkt an die Enge seiner ersten Unterkunft, zusammen mit vielen ande-ren. Schwer war es für ihn gewesen, er war verschlossen, sensibel, ihm fehlte Unbefangenheit im Umgang mit Menschen. Manchmal, wenn er glaubte, ersticken zu müssen, ging er in den nahegelegenen Park...

Er hätte Dirk nie kennen gelernt, wenn er an jenem Abend nicht in den Park gegangen wäre, wenn er den Brief an Zuhause weitergeschrieben und nicht mittendrin gesagt hätte: „Ich muss an die Luft - ich muss allein sein!“ Dann sah er auf dem Parkweg, wie drei Männer immer wieder auf einen Wehrlosen einschlugen, der am Boden lag. Ahmed griff ein, ohne nachzudenken, obwohl die Schläge auch ihn trafen. Das war der Beginn seiner Freundschaft mit Dirk - der ersten Freundschaft in seinem Leben. Ein schönes Gefühl für Ahmed, denn seine Kollegen brachten ihm nur Misstrauen und Abneigung entgegen. „Komischer Kümmeltürke“ hatten sie ihn genannt. Aber dann kam er plötzlich jeden Morgen fröhlich und aufgeschlossen zur Arbeit, redete wie ein Wasserfall, ließ singend die grauen übelriechenden Abfalltonnen wie Brummkreisel unter seinen Händen tanzen mit einer Geschwindigkeit, von der sein Kollegen am En-de noch profitierten.

Mit Dirk hatte sich sein Leben verändert. Zuerst tauschte er seinen oran-gefarbenen Anzug gegen einen blauen Kittel und übernahm das Ersatz-teillager in Dirks Betrieb. Später zog er dann zu Dirk ins Dachgeschoss des Hauses, das jetzt ihm und Ayse gehört. Grau und schmutzig war es gewesen. - Dirk sollte es jetzt sehen, er würde es nicht wiedererkennen. Es ist weiß gestrichen, hat sogar eine Zentralheizung die besser wärmt als der kleine eiserne Ofen, neben dem sie beide damals im Winter frierend gesessen, heißen Tee getrunken, Pläne für die Zukunft gemacht und von gemeinsamen Urlauben geträumt hatten.

Von diesem kleinen eisernen Ofen voller Erinnerungen kann Ahmet sich einfach nicht trennen. Er hat ihn neulich vom Dachboden geholt. Nun steht er im Wohnzimmer, geschmückt mit einer hübschen Spitzendecke. Ayse hat ihre schönste Teekanne darauf gestellt, die mit den wunderba-ren Ornamenten.

Aber nicht nur schöne Erinnerungen birgt dieser Ofen, denn irgendwann wurden die gemeinsamen Abende weniger. Immer öfter ging Dirk mit Ge-schäftsfreunden aus. Dann saß Ahmed alleine da. An einem dieser Aben-de ging er in den Park, wo er Gabi traf. Er hatte sie oft mit ihrem Wagen in der Werkstatt gesehen, wo sie sich ein flüchtiges „Hallo!“ sagten. An diesem Abend kamen sie ins Gespräch, setzten sich auf eine Parkbank und unterhielten sich lange und angeregt. Auch am anderen Tag trafen sie sich und am nächsten und über nächsten.

Allmählich begannen Ahmeds Gedanken nur noch um sie zu kreisen. Er war so glücklich und doch fühlte er sich unbehaglich. Zuhause in seinem Dorf wartete Ayse auf ihn. Sie waren einander versprochen worden. Aber er war jetzt hier. Er war jung, spürte ein unbändiges Verlangen wie noch nie in seinem Leben. Immer wieder versuchte er sich auf Ayse zu besinnen, doch mehr und mehr verschwand sie aus seinen Gedanken...

Er war wohl zu verliebt, um zu merken, dass Dirk plötzlich wieder viel Zeit hatte, die er mit ihm und Gabi verbrachte. Und eines Tages zog Dirk in ein schönes großes Haus am Rande der Stadt und nahm Gabi mit. Noch immer, wenn er daran denkt, macht er seine rechte Hand zu einer Faust, klopft unentwegt mit den Knöcheln gegen die Innenfläche seiner linken. Das macht er immer, wenn er erregt ist. Wie oft ist er damals zu dem Haus gegangen, um mit Dirk zu reden. Stand an dem kleinen Tor am Anfang des Weges, hielt verzweifelt die kalten Eisenstäbe umklammert, bis er einsah, dass es sinnlos war.

Der plötzliche Tod seiner Mutter hatte ihn irgendwann aus seiner Ein-samkeit gerissen, in die er nach der Enttäuschung mit Dirk zurück verfal-len war. Nach dem Begräbnis kehrte er nach Deutschland zurück und brachte Ayse, seine Frau mit. Er war ihr ja versprochen. Nun saß er abends doch wenigstens nicht mehr allein neben dem kleinen eisernen Ofen.

Ahmed hat viele Gründe, mit seinem Leben zufrieden zu sein. In der Fab-rik, in der er nach seiner Trennung von Dirk gearbeitet hatte, war er beliebt. Seine deutschen Nachbarn haben ihn und Ayse angenommen. Aber der wichtigste Grund ist seine Familie, zu der auch Tochter Selima und Sohn Tahrek-Ahmed gehören. - Zugegeben, am Anfang waren seine Gedanken oft bei Gabi gewesen. Bei ihr hatte er die große Leidenschaft gespürt.

Aber Ayse hat den Orkan in ihm in einen warmen Sommerwind verwan-delt
Jetzt ist es still geworden um Ahmed und Ayse. Es fehlt das fröhliche Kinderlachen und die Geselligkeit mit den Nachbarn, die auch älter und ruhiger geworden sind. Früher feierten sie alle gemeinsam Ramadan. Je-der war willkommen und nahm gern vom geschlachteten Hammel, den Ahmed verteilte. Und wenn 70 Tage nach Ramadan Bayram, das große Opferfest, gefeiert wurde, waren wieder alle da, seine deutschen und sei-ne türkischen Freunde. Für drei Tage waren sie eine große Familie.

Ahmed achtet sehr auf seine heimatlichen Sitten. Wünschte sich, dass sie in seinen Kindern fortbestehen würden. Doch Selima und Tahrek-Ahmed achten wohl die Traditionen, ihnen selbst aber bedeuten sie nicht mehr viel, seit sie erwachsen sind. Die Heimat von Ahmed und Ayse ist nun mal nicht ihre Heimat. Aber Ahmed ist stolz auf seine Kinder - auf Seli-ma, die in einer Bank arbeitet, und auf Tahrek-Ahmed, der gerade sein Medizinstudium beendet hat. Das Leben hat es doch gut mit ihm ge-meint...

Er geht zurück ins Haus, wo Ayse mit dem Tee auf ihn wartet. Der Duft verbreitet Gemütlichkeit. - Mein Zuhause, denkt Ahmed und trinkt zu-frieden vom süßen heißen Tee

Autor: Rosewittchen

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