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Etti schreibt: Gedanken im Schnee

Gedanken im Schnee

Erfroren sind die Blumen im Garten. Jetzt blüht der Schnee. Ich begleite Paul auf seinem Spaziergang - fast schweigend, nur nichts zerreden. Das Geräusch der Schritte auf dem verharschten Schnee sprengt fast die Stille und ich wünschte, ich könnte leiser gehen.

Wie schön doch das Leben ist. Seit ich mehr Zeit habe, nehme ich es bewusster wahr, freue mich über jeden Tag.

Ein verliebtes junges Paar geht vorüber, eng aneinander geschmiegt - ihre Freude wird wohl eine andere sein als meine - eine Freude noch voller Erwartungen...

Ja, Erwartungen hatte ich auch, mehr als genug, was Künstlerisches war mein Traum. Nachdem ich aber geheiratet hatte, kümmerte sich keine der Musen mehr sonderlich um mich. - Nur ab und an, ein ganz klein wenig - im Vorbeihuschen fühlte ich mich berührt. Das hatte sich wieder verstärkt, als ich nach der Trennung von E. noch einmal geheiratet hatte, Paul, den stillen, verschlossenen. Seine Gedanken und Gefühle hängen in hellen und dunklen Farben an den Wänden im Wohnzimmer.

Eigentlich hat er mich mit seinem Schweigen dazu gebracht, mich wieder mehr auf mich selbst zu besinnen - vieles an mir zu entdecken. -.

Und nun, seit mein letzter Lebensabschnitt begonnen hat, und angesichts der noch wenigen Zentimeter an meinem Lebensband, werde ich unruhig, habe das Gefühl, den richtigen Weg verfehlt zu haben. Ich spüre, was in der Hast des Lebens verborgen geblieben darauf wartet, sich wie Knospen zu einem Strauß - einem Herbststrauß zu entfalten, um meinen Rest Leben zu füllen - mein zweites Leben? Nein, mein drittes - oder sogar mein viertes?

Das zweite Leben begann wohl, als der Krieg zu Ende war. Gott hätte uns ein zweites Leben geschenkt, hatte Mutter gesagt. Damals hatte ich es nicht verstanden, habe mir nie Gedanken darüber gemacht, ob man lebt um zu leben oder gleich wieder zu sterben. Leben und Tod wohnten ja Tür an Tür.
Dann kam die Ehe mit Eric - ein schreckliches trauriges Leben, außer, dass es mir Carmen-Sylvia geschenkt hat. Erst nach der Trennung begann für mich wieder ein Leben voller Hoffnung, das mit Paul - mein viertes Leben also. Das Leben mit der Möglichkeit, den Herbststrauß erblühen zu sehen. Aber - wird die Zeit dafür noch reichen - ?

Hinter der Wegbiegung entdecke ich das junge Paar auf einer Bank, zärtlich aneinandergeschmiegt. Ein Bild voller Harmonie und Wärme - ein Bild, dass noch die ganze Fülle eines Lebens birgt, die, hat man erst einen Teil davon durchlebt, Ruhe erwachen lässt. Ich schaue zu Paul, der immer mürrisch wirkt, aber zufrieden, mit sich alleine und seinen Gedanken. Doch jetzt, wo er zu dem jungen Paar hinüberschaut, entdecke ich sogar ein Lächeln auf seinem Gesicht.

Es hat wieder zu schneien begonnen. Ich streife den Handschuh ab, fange ein paar Flocken auf - Blumen aus Eis und Licht. Wie Kristalle liegen sie auf meiner Hand, bis sie zerfließen. Fast fühle ich mich wie eine Diebin, die ihnen ihre Schönheit raubte.

Gedrängt von Erinnerung und Übermut greife ich in das luftige Weiß. Ein Schneeball zerspringt auf Pauls Rücken. Er wehrt sich. Wie ein Schlachtruf begleitet unser Lachen den kleinen Kampf. - Für einen kurzen Augenblick hatten wir einen gemeinsamen Gedanken…

Immer dichter wird das Schneetreiben und in die Stille hinein erklingt plötzlich fröhliches Lachen, je näher wir dem See kommen. Eine ausgelassene Menschenschar schlittert über das Eis, saust auf Schlittschuhen umher, dreht Pirouetten, hinterlässt Spuren auf der verschneiten Fläche. Aufgeregt überfliegen befiederte Bewohner des Sees das Treiben, landen rutschend auf ihren Hinterteilen, watscheln auf unsicheren Beinchen zur Wasserstelle und flattern zugeworfenen Brotstückchen hinterher. - Ein Wintermärchen, wie es schöner nicht sein kann.

Ein paar Schritte weiter, und der Schnee deckt wieder alle Geräusche zu, als hätte es nie etwas anderes als Stille gegeben. Wie ein frischbezogenes Bett liegt da eine große weiße Fläche, bewacht von einem Riesen aus Schnee. - Was nutzt es ihm, ein Riese zu sein, bald wird er zerrinnen und sich über die Wiese ergießen. Er wird vergehen wie die Stille, die Träume, die Jugend, und wie das Leben...

Autor: Rosewittchen

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