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Wurzeln oder Heimat

Wenn eine Pflanze für ihren Samen einen geeigneten Untergrund findet, werden sich Wurzeln bilden, die die Pflanze ein Leben lang ernähren. Die Nahrung ziehen sie aus dem Boden, sie löst sich durch Regen.

So bildet der Mensch ebenfalls an dem Ort Wurzeln, an dem er zuerst bewusst Geborgenheit und Vertrautheit, Versorgung und Wachstum erfahren hat. Das nennt man dann Heimat.
Diese Wurzeln wandern nicht mit dem Menschen mit, falls er diese Gegend verlassen sollte. Ein Umzug in eine andere Gegend oder ein anderes Land bedeutet dann die Entwicklung einer neuen Heimat.

Wenn ich ins Weser-Bergland reise und die Orte meiner Kindheit besuche, wenn ich in den Wäldern wandere oder auf einer Bank die Aussicht genieße, geschieht eine geheimnisvolle Verwandlung: Ich bin Teil des Waldes, sehe die Bäume, rieche den Waldboden, höre Vögel oder ein Knacken und spüre den Wind an meinem Körper. Ich bin voll konzentriert auf diese Wahrnehmungen und gleichzeitig völlig entspannt. Meine Sorgen und Probleme von zu Hause sind weit weg und haben keinen Raum in meinem Kopf.

Die Landschaft ist sanft hügelig mit kleinen Ortschaften und bietet immer wieder einen Blick auf die Weser. Mein Geist wird weit und fliegt mit dem Wind. Ein Bussard zieht seine Kreise, manchmal steht auch eine Lerche in der Luft, je nach Jahreszeit. Im nahegelegenen Wald mit viel Unterholz hört man im Oktober den Krach der brünstigen Schweine. Aber sie bleiben im Unterholz und haben mit Menschen nichts im Sinn.

Ein Orte meiner Kindheit: ein Zisterzienserkloster. Wir haben nach dem Krieg über dem Schafstall von Pastor Hossius gewohnt. Das Schlafzimmer war im ersten Stock, einmal in der Woche hörten wir Kinder Schlafmusik vom Posaunenchor im Zimmer nebenan. Auf dem alten Friedhof kratzten wir mit Stöckchen die Schriftzüge auf den Grabsteinen frei und versuchten die Schrift zu lesen. Einen Spruch weiß ich noch: „Nun trocknet eure Thränen, denn ewig ist ja unser Geist.“ Dieser Stein ist bis heute erhalten und ich besuche ihn jedes Mal, genauso wie die 1000-jährige Linde auf einem anderen Friedhof in Lippe. Wir durften nicht darauf klettern, sie war damals schon alt – halt 70 Jahre jünger als jetzt. Aber ich habe sie immer geliebt und bewundert, wie aus den schrundigen uralten Stämmen neue mit grünem Laub wuchsen. Die alten Seitenzweige hat man inzwischen gestützt.

Damals wohnten wir im Pfarrhaus. Das ist heute entkernt und als Gemeindesaal eingerichtet.
Meine Schule in Blomberg, die Burg in Schwalenberg – alles obligatorische Besuche. Heute werden auf dem Schwalenberg seltene Schafrassen gehalten. Ich wollte die Wolle verspinnen – aber sie wird warm und feucht sofort gelagert und ist hoffnungslos verfilzt.

Alles ist so präsent wie früher und dabei habe ich in dieser Gegend nur sieben Jahre – von vier bis elf – gelebt. Komme ich nach Hause, bin ich ausgeglichen und von einer sanften Fröhlichkeit erfüllt.

Nach Hause: inzwischen meine Heimat.
Heimat? Also die zweite?

Ich glaube, dass jeder Mensch viele Heimaten haben kann, aber nur in einer Heimat verwurzelt ist.

Autor: kindermut

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