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#3/2010Entschleunigung oder Tempo runter?

Leider ist unser Mitglied Hatsch_43 im September 2014 verstorben. Wir sind sehr traurig, dass wir in Zukunft auf seine humorvollen, pointierten und hintergründigen Texte verzichten müssen.
Doch seine Alltagsbeobachtungen und Kolumnen bleiben aktuell und wir schätzen sie nach wir vor sehr. Deshalb kannst Du sie auch weiterhin auf unseren Seiten lesen.

Entschleunigung oder Tempo runter?

Letztens hatte ich meinen 77-jährigen Freund am Telefon, was ja an sich nichts Besonderes darstellt. Er hatte gerade mit seiner Frau sein Haus hier in Süddeutschland verkauft, seine gewachsenen regionalen Bindungen gelöst, um im Norden nah bei den Kindern eine neue Existenzgründung zu wagen. Nervlicher Zusammenbruch im Vorfeld mit medizinischer Betreuung entlockten mir nun Wochen später die Befindlichkeitsfrage. Er befände sich nun in der Phase der Entschleunigung, war seine Antwort.

Entschleunigung - Unwort, griffiger Slogan, Wort des Jahres oder Augenwischerei? Scheidt hat bereits 1979 in einem seiner Bücher diesen Begriff eingeführt. Als es noch keine Uhren gab, bestimmten Sonne, Mond und die Sterne den Rhythmus. Heute ticken wir Menschen im Minutentakt. Die Herausforderung liegt darin, dem von Tempo und Konsum geprägten Alltag ein wenig Sand ins Getriebe zu streuen. Zeit, um Dinge ausprobieren und eventuelle Fehler korrigieren zu können - eine Ökologie der Zeit. Temporausch, Profitstreben, allzeitige Verfügbarkeit mit ihren sozialen Auswirkungen - einige Stichworte, welche die Diskussion um Entschleunigung und Zeitnot bestimmen. Zeit ist ein Gut. Und heute scheint Zeit zu einem knappen Gut geworden zu sein. Neben Geld und Macht setzt Beschleunigung die globalen Maßstäbe. Doch anscheinend ist die Zeit nicht knapp, sondern wir gehen schlecht mit dieser Zeit um. Somit darf provokativ gesagt sein - der Takt der Gesellschaft müsste sich ändern. Der Alltag ist von Taktzeiten und Mengenvorgaben geprägt. Die Automation von Abläufen bietet nicht unbedingt zusätzliche Freizeit, sondern fordert primär die Anpassung des Menschen.

Entschleunigung also ein Verhalten, um der beruflichen und privaten Beschleunigung des Lebens entgegenzuwirken? Und wird sie zur Aufforderung nach dem Luxus der Langsamkeit, wenn wir zeitgemäße Vorgaben gegen Werte der Vergangenheit halten?

Grotesk für mich die Verwechslung von Wichtigkeit und Vielbeschäftigung schon bei der Jugend. Manchen Kids sind die Handys bereits am Ohr verwachsen, und sie quasseln was rein, auch ohne verbunden zu sein. Einfach zur Vermittlung der Illusion ihrer Wichtigkeit, persönliches PR-Gehabe, Verhaltensmechanismen, dem hyperaktiven Börsianer mit Lizenz zum Finanzcrash nachgeahmt. Patienten wider Willen, die behaupten, dass alles in bester Ordnung sei. Stress als Lebenselixier, mit eingebauter Überzeugung, dass er gesund sei und sich konstruktiv auf ihn auswirke. Keine ruhige Minute gibt es für den Workaholic, es sei denn, sein Akku gibt seinen Geist auf.

Letztens hat gerade die Natur uns wieder einmal gezeigt, wie sie Einfluss zu nehmen weiß. Denken wir an die Asche-Wolke, die die Politik entschleunigte. Alle Flieger stehen still, wenn der Vulkan es will. Der politische Betrieb verlangsamte sich. In Berlin sagten Staatsgäste ihren Besuch ab. Und deutsche Politiker fuhren Bus und Bahn. Kanzlerin Merkel mit Delegation im Reisebus: Alles, was rollen kann, rollt. Und ein paar Stunden Nähe mit der völkischen Basis inklusive Achselschweiß-Kontakt. Oder mit unserem Asphalt-Alltag.

Wenn der Spross von der Hinterbank ruft, Papa, schau ein Stau, dann ist's Zeit für den Morgenkaffee. Du weißt, wo die Kaffekanne steht und das Alu-Antifrost-Überlebenstuch liegt griffbereit. Ja, ein Stau, abrupter Stopp jeglicher Hyperaktivität. Endlich kommt der Mensch zu seinen Tagesbedürfnissen. Da surrt der Rasierer im Auto nebenan, die Schminkspiegel erhalten ihren Sinn. Nur wenn der Trucker bei Weiterfahrt immer noch in der Tageszeitung die regionalen Todesanzeigen liest, finde ich das etwas grotesk. Schließlich benötigt niemand die zwangsweise Entschleunigung durch zu viel Beschleunigung mit Übergang vom Auto in den Rollstuhl.

Böse Zungen haben sich schon festgelegt. Die Asche sei Kachelmanns Rache. So kurz vor der WM in Südafrika, wie kommen wir nun dahin? Zur Stützung der EU vielleicht mit griechischen Eselskarren? Eine Reise mit dem Esel durch die Uckermark gibt es bereits. Ein wenig bedacht von der Sturheit der tierischen Gelassenheit zu profitieren. Und so wie Herr zu Guttenberg auf der Rückreise aus Afghanistan durch Rumänien und Ungarn mit einem Kleinbus der deutschen Botschaft rumpelte, klingt der Slogan eines findigen Kutschfahrten-Veranstalters - Kreuzfahrt mit der Kutsche - richtig liebenswert.

Aktuellste Info zur Verletztenliste des deutschen Fußball-WM-Kaders präsentiert nun ausgerechnet einen unser Spitzenverteidiger mit Knochenbruch, der doch gegnerische Stürmer entschleunigen sollte. Nun iss er es selber...

Da lob ich mir das Tischfußballspiel Tipp-Kick, hatte ich mal. Fußballspiel aus dem Handgelenk. Verletzungsfrei mit entspannter Pinkelpause.

Auch in manchen Ehebetten wäre Entschleunigung wünschenswerterweise mit Zärtlichkeit auszufüllen. Und ehrlich, manches Amt hat sich doch schon soweit entschleunigt, dass Antworten in der nächsten Generation zu erwarten sind.

Dabei soll es für den Normalo doch grundsätzlich so verstanden werden: Entschleunige Dich bitte in Deiner privaten Zeit, als Auftankpause für den nächsten Schnellstart. Und somit hat Wellness Hochkonjunktur. Entschleunigung ist eben auch eine Kopfsache. So manchem von uns stünde es nicht schlecht, auch in der Meinungs- und Entscheidungsbildung ein wenig einzubremsen. Den entschleunigten Adrenalinspiegel statt Infarkt.

Entschleunigte Produkte sind längst auf dem Markt. Rentenanpassung fällt mir spontan ein, dank staatlich veruntreuter Einzahlungen nur noch Pustekuchen. Die stoppenden Scharniere der Schranktüre oder der sanft absenkende Klodeckel. Ist doch früher immer zugedonnert, dass das ganze Haus über Deinen Stuhlgang Bescheid wusste. Die Einführung der Telefon-Flatrate ist geradezu ein Musterbeispiel. Das was Schnellsprecher Matthias Richling in 2 Stunden wegen gepfeffertem Eintrittspreis von den Bühnenbrettern schleudern muss, reichte doch für einen 5-stündigen entspannten Telefonvortrag mit einem Glas Roten und Erdnüssen auf'm Tisch. Die neuen Butterpreise könnten allerdings ja mal zuhören, oder?

Vielleicht ist mit Entschleunigung auch der Abschied vom Turbokapitalismus gemeint, von einer sich immer schneller drehenden Spirale des Produzierens und Wegwerfens. Höher ins All, tiefer in die Meere, aber das Miteinander, das Verharren in stiller Betrachtung dessen was wir haben, geht flöten.

Eine Freundin hat mir diese einfache Kette übergeben: Erfassen - Aufnehmen - Verarbeiten – Erleben - statt Vorbeirauschen. Ist es das, was mit Entschleunigung gemeint ist? Oder lassen wir doch lieber das Leben wie Sightseeing aus dem Busfenster mit einer kurzen Gemütsbewegung vorbeigleiten, um dem nächsten Getümmel entgegenzufiebern?

Möchte mit einem Gedicht von Flora von Bistram schließen:
Die Zeit ist zeitlos, nie sie steht,
wir aber stürmen auf sie ein,
wo immer uns die Zeit umweht
will gütig sie Berater sein,
doch wir verschließen unser Ohr,
vergeuden diese Kostbarkeit;
verschließen Einsicht stets das Tor
und schlagen tot die beste Zeit.

Brauchen wir denn nun Schlagwörter wie Entschleunigung?

Nachdenkliche Grüße vom
hatsch_43

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