Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

Bequem mit Facebook einloggen:

facebook login

Antonios Spezialtherapie

Warnhinweis: Diese Kolumne beschäftigt sich mit dem Thema sexualisierte Gewalt. Bei manchen Menschen kann das negative Reaktionen auslösen. Bitte sei achtsam, sollte das bei Dir der Fall sein.

Vor allem in den fünfziger Jahren wurde London von zahlreichen Ausländern überflutet, die dort Arbeit suchten oder auch studieren wollten. Voraussetzung war jedoch, an Abendschulen zumindest halbwegs die englische Sprache zu erlernen.
Hochinteressant fand ich dort die Bekanntschaft mit einer Musikstudentin aus Italien, einem Polen, der mich nicht aus den Augen ließ und vor allem Antonio, dem spanischen Medizinstudenten. Sie alle besuchten mit mir die Klasse für Fortgeschrittene an der Abendschule.
Unsere vergleichsweise junge Lehrerin, Miss Anita W., war eine sehr kompetente, aber kühle, total emotionslose Person.
Doch lernte ich bei ihr sehr gut und konnte schließlich das Higher Cambridge-Examen mit gut bestehen.

Nun ergab es sich, dass sie mich einlud, während meiner letzten Wochen in London bei ihr zu wohnen, weil von dort aus mein Weg zum Restaurant, wo ich abends jobbte, nicht so weit entfernt war. Für sie bedeutete das auch eine kleine Mieteinnahme, da ihr Portemonnaie fast immer leer war.
An einem Abend kam ich erst weit nach Mitternacht zurück und schlich leise in ihr Schlafzimmer. Ob sie schon schlief?
Um sie nicht zu wecken, schaltete ich kein Licht an, zog die Schlafcouch heraus und schlüpfte in meinen Pyjama. Unter der wärmenden Decke streckte ich alle Viere von mir und tat einen entspannten Seufzer.
Himmel, war das heute wieder ein Stress. So viele Gäste, und noch so spät.
Und während mir langsam die Augen zufielen, vernahm ich ein seltsames Geräusch aus Richtung von Anitas Bett, als ihre Bettdecke plötzlich hoch flog.
„Lass mich in Ruhe!“ zischte sie. Und dann mit Nachdruck:
„D u s o l l s t m i c h e n d l i c h in Ruhe lassen!“
„Ach, komm, ich meine es doch nur gut mit Dir. Ist doch schön, oder?“
flüsterte eine männliche Stimme.
Ich war total erschrocken, aber mir war sofort klar, dass da Antonio in Anitas Bett lag, dieser spanische Medizinstudent, ihr Englischschüler.
Warum wirft sie ihn nicht einfach raus, wenn sie ihre Ruhe haben will, dachte ich. Ich begriff rein gar nichts. Aber um weiter nachzudenken war ich einfach zu müde und schlief ein.

Am Morgen, als Anita bereits zur Schule gegangen war, fand ich Antonio tatsächlich noch in der Küche. Verlegen nippte er an seinem Tee und meinte:
„Ich glaube, ich bin dir eine Erklärung für letzte Nacht schuldig. - Du musst nämlich wissen, Anita ist in psychotherapeutischer Behandlung wegen einer Störung, die ihre Ursache in einem schlimmen Erlebnis mit einem Mann hat. Sie war zu der Zeit noch ein ganz junges Mädchen, und ich möchte ihr helfen, diese Störung zu überwinden.“
Damals noch kaum über Sex aufgeklärt, schon gar nicht über spezielle Praktiken oder Feinheiten, sah ich ihn verständnislos an. Wie meint er das?
„Komm mit, ich kann dir etwas Interessantes zeigen.“
Im Zimmer nebenan zog Antonio die Schublade von Anitas Kommode auf. Darin sah ich eine Schachtel mit Kondomen (die ich als 12-jährige schon bei meiner Mutter gefunden hatte), aber auch eine Menge eng beieinander liegende kleine Spielzeugkühe und Kälber aus Elastolin.
„Nun wundere dich nicht. Hiermit soll Anita das Verhältnis der Muttertiere zu ihren Kälbern gefühlsmäßig erfassen. Jeden Abend vor dem Schlafengehen soll sie dafür sorgen, dass die Muttertiere während der Nacht schützend neben ihren Kälbern liegen. Auch muss sie ihre Träume aufschreiben. Das alles gehört zu ihrer Therapie nach Sigmund Freud.“
Ich staunte nicht schlecht, und doch war mir Antonios therapeutische Hilfsbereitschaft in der Nacht ziemlich suspekt...

Als Antonio gegangen war, wurde ich von Neugier und diffusen Ahnungen gepackt. Mein erster Gedanke war das Lexikon. Wie schon so oft, hatte ich hier Antworten auf viele Fragen gefunden. Anita besaß ein solches Lexikon in mehreren Bänden, die hoch oben im Bücherregal standen. Ich kletterte auf einen Stuhl, angelte den entsprechenden Band heraus, schlug nach bei Sigmund Freud und las:
„... große Bedeutung kindlicher sexueller Konfliktlagen und Traumata bei der Entstehung von Neurose...“
Obwohl ich nicht alles verstand, öffneten sich mir plötzlich völlig neue Welten, und während ich mit heißen Ohren weiter las, sah ich Anitas Augen vor mir, Augen mit dem kühlen teilnahmslosen Blick...

Lexikoneintrag für Psychologie

Autor: fleurbleue

Artikel Teilen


Artikel bewerten
5 Sterne (7 Bewertungen)

Nutze die Sterne, um eine Bewertung abzugeben:


22 12 Artikel kommentieren
Themen > Unterhaltung > Kolumnen, Anekdoten und Co > Fleurbleues Geschichten > Antonios Spezialtherapie