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Teures Geschenk

Mit feinem Humor und viel Selbstironie beschreibt unsere Kolumnistin Edda, bei Feierabend als Niagara bekannt, ihren nicht immer ganz leichten Alltag.

Ein teures Geschenk

Mein Mann, das Goldstück, kann es nicht lassen. Er ließ sich wieder einmal am Telefon zum Besuch einer Werbeveranstaltung beschwatzen – obwohl man ihm weder den Firmennamen, noch die Art des zu kaufenden Artikels nennen wollte. „Wir sind ein Unternehmen für Inneneinrichtungen“ war die Antwort auf seine diesbezügliche Frage. „Sie erhalten als Geschenk – ohne jede Verpflichtung Ihrerseits – eine wertvolle Digitalkamera.“ „Wir sind komplett eingerichtet und benötigen nichts“, entgegnete mein Goldstück. „Aber das macht doch nichts. Ein Besuch bei uns ist völlig unverbindlich. Auch wenn Sie nichts kaufen, erhalten Sie das bereits auf Ihren Namen reservierte Geschenk.“

„Was willst du mit einer weiteren Digitalkamera, die zudem, wenn man sie dir schenkt, primitiv und von schlechter Qualität sein wird?“, wollte ich wissen. Aber mein Mann, leidenschaftlicher Sammler, der auch überflüssige Dinge hortet, ließ sich nicht von mir beeinflussen und beschwatzte mich sogar – trotz heftigen Sträubens – ihn zu begleiten.

Also machten wir uns gemeinsam auf zu dem Lokal, in dem die Verkaufsshow stattfinden sollte. Schon auf dem Parkplatz wurden wir von drei Herren empfangen, die uns in den entsprechenden Saal geleiteten, wo auf Tischen Ess- und Kaffeeservice – wirklich sehr dekorativ anzusehen – ausgestellt waren. Die letzten geladenen Gäste trudelten ein und schon legte einer der drei Verkäufer los:

„Dieses Limogener Porzellan, das Sie hier sehen, wollen wir nicht etwa verkaufen. Nein, meine liebe Damen und Herren, wir wollen es verschenken. Im Augenblick stagniert das Geschäft, unser Lager ist gefüllt, wir brauchen Platz. Wer will als Geschenk ein 72-teiliges Eß- und Kaffeeservice annehmen?“ Die meisten Anwesenden hoben die Hand, bis auf einige misstrauische Personen, zu denen auch ich gehörte. Wo war der Haken? Es folgte ein langer Vortrag, über die erstklassige Qualität, das exquisite Design, kunstvolle Dekor, die brillanten Farben usw. usw. „Unsere Produkte sind spülmaschinenfest und mikrowellengeeignet. Wir übernehmen eine 30-jährige Garantie.“ Ich fragte mich, wo man die im Bedarfsfall geltend machen kann – auch hier wurde kein Firmenname bekannt gegeben. „Die einzige Bedingung die wir stellen: Sie müssen jedes Teil mit Ihren persönlichen Initialen signieren lassen, erstens damit sie unser Geschenk nicht verkaufen, zweitens um Arbeitsplätze zu sichern. Mit den geringen Kosten, die Ihnen dadurch entstehen, können wir unseren Betrieb trotz der gegenwärtigen Absatzkrise ohne Kündigungen aufrechterhalten.“

Er laberte unaufhörlich, war in seinem Element und nicht mehr zu bremsen. Nun versuchte er seinen Vortrag durch gewagte Witze aufzulockern, zog über Ausländer und Schwule her. Mein Gewissen sagte mir, jetzt sei es an der Zeit, den Saal zu verlassen. Aber es gab kein Entrinnen. Einer der Vertreter hatte sich neben den Ausgang postiert; ich wagte nicht einmal, zur Toilette zu gehen. Außerdem siegte meine unbeschreibliche Neugier.

Irgendwann, nach drei Stunden unaufhörlichen Einredens auf seine Zuhörer kam der Vertreter endlich zum Schluss und stellte wiederum die Frage, wer sich von ihm mit dem Ess- und Kaffeeservice beschenken lassen wolle. Das Ehepaar neben uns meldete sich spontan, während die anderen Besucher noch zögerten. „Applaus für die Dame und den Herrn hier vorne in der ersten Reihe.“ Schon stürmte sein Kollege mit einem Auftragsblock auf die beiden zu. „Darf ich mir Namen und Adresse notieren. Und hier unten bitte ich Sie, die Annahme des Geschenks zu quittieren.“ Ich warf einen Blick auf das Blatt. „Aber da steht ein Preis von 3.600,-- Euro“, stellte ich fest. „Ja, das sind die Kosten für das Signieren des Porzellans. Es kostet pro Einzelteil 50,-- Euro – und das ist spottbillig, denn jeder Buchstabe wird in Blattgold aufgetragen. Bei einem Juwelier ist der Preis dreimal so hoch.“

Jetzt hatte ich meinen Mann, das Goldstück, endlich so weit, mit mir zusammen den Rückzug anzutreten – nicht ohne vorher konsequent die versprochene Digitalkamera einzufordern. Stolz zog er mit seinem Beutestück davon und erwiderte meinen nochmaligen Hinweis auf die schlechte Qualität mit dem Sprichwort vom geschenkten Gaul, dem man nicht ins Maul schaut. Mich tröstete lediglich der Gedanke: Aufgrund seiner Hartnäckigkeit werden wir wohl nie wieder zu einer solchen Verkaufs-Veranstaltung eingeladen.

Als ich mich beim Hinausgehen noch einmal umwandte, sah ich unsere Nachbarn gerade das Formular unterschreiben. Sie hatten sich nicht abschrecken lassen.

Die Kamera liegt, niemals benutzt, im Schrank neben weiteren Werbegeschenken: Zwei Taschenrechner, Essstäbchen aus dem Chinarestaurant, eine Sanduhr und sonstiger Krempel.

Es grüßt,
Eure Edda

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