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Die Wonnen des Frühlings

rote Tulpen

Teil 2

Es wurde von Tag zu Tag schlimmer. „Schmarotzer, Versager“, warf sie ihm an den Kopf und nach einigen Wochen: „Da ist die Tür!“ Unfassbar, das durfte doch nicht wahr sein, sie schmiss ihn raus! Wie ein geprügelter Hund schlich er davon. Die Tür fiel krachend hinter ihm ins Schloss. Den ganzen Tag trottete er benommen, ohne einen klaren Gedanken fassen zu können, durch die Straßen. Schließlich landete er in einer Kneipe, trank ein Bier. Es blieb nicht bei dem einen.

Sie wird sich inzwischen wieder beruhigt haben, dachte Theodor spätabends, als er sich schwankend auf den Nachhauseweg machte. Der Schlüssel, den er aus der Hosentasche zog, passte nicht. Anna-Lena hatte das Türschloss zu ihrer Wohnung austauschen lassen. Nach seinem Klingeln rührte sich nichts, obwohl Radiomusik und Schritte zu hören waren und ein Lichtstrahl durch das Schlüsselloch fiel. Wieder und wieder schellte er – ohne Erfolg, die Tür blieb geschlossen. Er nahm die im Treppenhaus stehende Reisetasche in Augenschein. Sie enthielt seine Jeans, Pullover, Hemden, Socken, Unterwäsche.

Mit den wenigen Habseligkeiten beladen, schlich er davon. Er konnte sich einige Wochen in einer billigen Pension leisten. Als die Kosten hierfür und die täglichen Ausgaben für Essen und Getränke seine wenigen Ersparnisse aufgebraucht hatten, musste er ausziehen. Damit war Theodor nicht nur arbeits- sondern auch obdachlos. Er verbrachte nun kalte neblige Nächte, frierend und oft stundenlang schlaflos, auf Bänken im Park liegend, zugedeckt mit einer auf dem Grillplatz gefundenen muffig riechenden Decke, die wahrscheinlich irgendwer nach einem Picknick vergessen hatte. Mehrere Lagen Pappkarton dienten ihm als Unterlage. Als die Blätter von den Bäumen fielen, verdüsterte sich sein Gemütszustand immer mehr. Zunächst verzagt, niedergeschlagen, trübsinnig, dann voll Wut und Hass, kreisten seine Gedanken um Anna-Lena.

Es wurde Winter. „Betreten verboten“, stand auf dem Schild an einem Rohbau. Er fand eine Lücke im Zaun, durch die er schlüpfen konnte. Vor Wind und Regen geschützt, aber immer noch frierend, übernachtete er in einem der kahlen Räume. Morgens stand er zeitig auf, packte sein Bündel zusammen und verließ das Quartier, ohne Spuren zu hinterlassen, bevor die Bauarbeiter kamen. Dann saß er in der Fußgängerzone und wartete auf freigiebige Mitmenschen, die eine Spende in die vor ihm stehende Blechdose warfen.

Die unendlich süße Weise eines Vogelliedes weckt ihn aus seinen Grübeleien. Zum ersten Mal seit langer Zeit hört er wieder eine Amsel singen. Waren die Vögel in den vergangenen Jahren verstummt gewesen oder hatte er ihr Frohlocken, mit dem sie den Frühling begrüßten, nur nicht wahrgenommen?

Wieder eilen Menschen vorbei, ohne ihn zu beachten. Nur ein Hund schnuppert an seinen Hosenbeinen und wird gleich von dem Besitzer ungeduldig an der Leine weiter gezerrt. Die Sonne kommt zwischen den Wolken hervor. Theodor zieht Schuhe und Socken aus, streckt die nackten Füße wohlig seufzend in die warmen Strahlen. Alle Stumpfheit fällt von ihm ab. Mit einem Mal empfindet er wieder etwas; es fühlt sich wie Glück an. Von einem seligen Taumel erfasst kann er sogar seine negativen Gedanken über Anna-Lena, die bisher an ihm genagt hatten, loslassen, ohne Groll an sie denken, ihr sogar im Geiste alles Gute wünschen. Heilender Frieden durchfließt ihn. Er lauscht der Melodie der Amsel, spürt die laue Luft, die sein Gesicht streichelt, seine stoppeligen Wangen liebkost, ergötzt sich am Anblick des blühenden Mandelbaumes auf der gegenüberliegenden Straßenseite, ja er meint sogar, den Duft der Blüten zu riechen, zu schmecken. Trotz allem, das Dasein ist schön. Sollen die anderen doch darüber schreiben, denkt er, ich genieße sie mit allen Sinnen:

DIE WONNEN DES FRÜHLINGS

Autor: Niagara

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