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Die Wonnen des Frühlings

blühende Krokusse

Teil 1

Vor Theodor, dem obdachlosen Bettler, steht eine Blechdose, bereit für die Aufnahme von Almosen. Noch liegt keine Münze darin, nicht einmal ein rotes Ein-Cent-Stück. Die Menschen hasten vorbei, ohne ihn zu beachten. Jemand wirft eine Zeitung in den Abfalleimer am Mast der Straßenlaterne.

Ächzend steht Theodor auf. Das ist gar nicht so einfach mit seinen schmerzenden Knochen; er hat zu oft, manchmal bei eisiger Kälte, im Freien übernachtet. Gelangweilt fischt er die Zeitung aus dem Papierkorb, blättert sie durch. Wie immer nur schlechte Neuigkeiten: Kriege, Terrorwarnungen, tödliche Verkehrsunfälle, Morde, Einbrüche, Schlägereien. Früher einmal stopfte er sich bei der täglichen Zeitungslektüre mit solch negativen Nachrichten voll. Heute interessiert ihn das alles wenig. Höchstens der Meldung über zu erwartendes schlechtes Wetter schenkt er etwas mehr Aufmerksamkeit. Das Lesen ist anstrengend, beim Kleingedruckten kneift er die Augen zusammen. Eigentlich braucht er eine Brille. „Ich muss mal beim Sozialamt deswegen nachfragen. Vielleicht gibt es einen Zuschuss“, murmelt er vor sich hin.

Auf Seite fünf eine fettgedruckte Überschrift: der Aufruf zu einem Schreibwettbewerb zum Thema „Die Wonnen des Frühlings“. Theodor legt die Zeitung beiseite und grübelt. Wonnen des Frühlings - wann hat er sie zuletzt empfunden? Es ist lange her.

Vor Jahren überfielen sie ihn heftig, damals, als man ihm seine neue Kollegin vorstellte, im Büro der Firma, in der er als Fahrer arbeitete. Anna-Lena Primavera, eine Frau, schön wie der Frühling, mit einem Namen wie Musik. In seinen Ohren schwebten Geigenklänge, eine süße Melodie ließ sein Herz erbeben.

Nach drei Wochen waren sie ein Paar, nach zwei weiteren Wochen zog er bei ihr ein. Mitten im Herbst erlebte er mit Anna-Lena die Wonnen des Frühlings, Tage der trauten Zweisamkeit, sanftes, zärtliches Streicheln, Nächte in inniger Umarmung, Herz an Herz, leidenschaftliche Küsse, heißes Begehren. Er spürte Freude am Dasein wie nie zuvor, die Blumen blühten herrlicher und dufteten intensiver, der Himmel strahlte blauer denn je, herzbewegend lieblich jubilierten die Vögel. Pure Lebenslust erfüllte Theodors Gedanken.´Glückseligkeit pulsierte in seinen Adern, beseelte jede Körperzelle. Knisternde Elektrizität lag in der Luft; einem Freudentaumel verfallen, schwebte er wie auf Wolken schwerelos durch die herbstlichen Tage.

Ausgerechnet im nächsten Mai erkalteten die Frühlingsgefühle. Zunächst kühlten sie fast unmerklich ab, nachdem ihm in der Firma gekündigt wurde. Jetzt lebte er auf Anna-Lenas Kosten, trug nichts zum gemeinsamen Haushalt bei. Seine Ersparnisse verschwieg Theodor, die behielt er heimlich als Notgroschen. Immer öfters kam es zum Streit. Die Stimmung wurde frostig. Ihre Augen, die ihn stets liebevoll angesehen hatten, blickten jetzt kalt, eiskalt. Manchmal, wenn sie das Zimmer betrat, erwartete er fast, Eisblumen würden auf den Fensterscheiben erblühen.Theodor erwachte aus seinem wunderschönen Traum, fand sich in einem bedrückenden Alptraum wieder. Anna-Lena duldete keine Umarmungen mehr, wendete sich ab, wenn er sie küssen wollte.

Du möchtest wissen, wie es weitergeht? Erfahre es nächste Woche in unserem Freitags-Rundbrief!

Autor: Niagara

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