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Gempenliebe von Reinecke1794

Erklären kann ich es nicht, mich eigentlich nur wundern. Wie ist es möglich, dass Erinnerungen sich eines Tages aufdrängen, die Jahrzehnte zurückliegen und im Verhältnis zu den prägenden Stationen des eigenen Lebens so was von unbedeutend sind, dass es schon lächerlich scheint, sie nur zu erwähnen? Die Inhalte dieser Erinnerungen waren keine Weichenstellung, haben keinerlei Bedeutung für den Lebensweg gehabt, würden nicht mal mit einem Hauch in den eigenen Lebenslauf gehören, sind ein Nichts, unbedeutend, wie schon gesagt. Und dann........ja, dann sind sie plötzlich da.
So geht es mir etwa mit einem Ort in der Schweiz. Diesem will ich mich jetzt ganz behutsam annähern, mit all meinen Erinnerungen dazu, weil diese sich, warum auch immer, mir aufgedrängt haben.

47 Grad, 28 Minuten und 40,4 Sekunden Nord der Breitengrad und 7 Grad, 38 Minuten und 49,5 Sekunden Ost der Längengrad, so die offiziellen Koordinaten für den Gempenturm, den G ä m p e, wie er mundartlich auch genannt wird. Der Aussichtsturm mit fünf Etagen wurde 1897 als Stahlwerkturm erbaut, hat 115 Treppenstufen, die zur obersten Aussichtsplattform in 28 Meter Höhe führen. Der Gempenturm befindet sich im Kanton Solothurn in einer Höhe von 759 m über dem Meeresspiegel auf dem sogenannten Gempenplateau. Geschichtlich nicht uninteressant ist der Gämpe wegen seiner vielen Höhlen, in denen Werkzeuge aus Stein und Feuerstein sowie Eisen gefunden wurden. Lebten in vorchristlicher Zeit selbst Kelten in dieser Gegend, so waren es später die Römer, die bis zur Mitte des 3. Jahrhunderts hier siedelten. Bis zum Ende des 4. Jahrhunderts waren es dann die Alemannen, die um 500 von den Franken abgelöst worden sind. Nach einer Reihe von Handänderungen – unterbrochen von dem Einfall der Franzosen in Folge der französischen Revolution – und Zukäufen des Kantons Solothurn vom Bistum Basel, wurde Gempen im 16. Jahrhundert Teil des eigenständigen Kantons Solothurn.

Von alledem wusste ich natürlich noch nichts, als ich an einem Tag im Mai, gerade mal 10 Jahre alt, von Aesch aus, einem kleinen Ort, südlich von Basel gelegen, mit Freunden zu einer Wanderung zu diesem Ziel aufgebrochen war. Fünf Kinder waren wir. Zwei Jungen waren etwas älter als ich und das eine Mädchen, etwa so alt wie ich, war die Schwester unseres Anführers, der schon 14 Jahre alt gewesen sein dürfte. Erstmals in meinem Leben habe ich beim Anmarsch auf den Gempen diese unermessliche Freude empfunden, am sehr, sehr frühen Morgen, wenn es noch dämmert, der Tau noch auf den Wiesen liegt, als Wanderer loszuziehen, um ein fernes Ziel, den Gipfel eines Berges anzusteuern. In damals noch sehr einfachen Rucksäcken hatten wir unsere Verpflegung und den Regenschutz untergebracht. Einen sehr langen Weg hatten wir da vor uns, denn wir wanderten nicht über Dornach auf den Gempen, sondern entlang des Flüsschens Birs bis zur Burg Langeneck, wo der Aufstieg begann. Für mich, der die Berge noch nicht kannte, war der Anblick riesiger Felsblöcke entlang des Weges ein beeindruckendes Erlebnis. Teilweise auf schmalen Pfaden, kamen wir an kleinen und dann wieder gewaltigen Höhlen vorbei, die ein gelegentliches Prickeln, leichte Schauer bewirkten, wenn wir in die eine oder andere hineingingen oder in kleinere gar ein Stück weit hineingekrochen sind. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich da auch richtig tiefe Schluchten gesehen und das Kribbeln verspürt, wenn links oder rechts des Weges sich ein steiler Abhang auftat. Unter der Leitung unseres selbsternannten Anführers marschierten wir allerdings auch nicht immer entlang der ausgewiesenen Wege, sondern verließen diese aus Neugierde, vielleicht auch aus Abenteuerlust, das eine oder das andere Mal, wie ich zugeben muss.



Jahre später, wenn ich in Büchern etwas über riesige Wälder las, Felswände, tiefe Schluchten, gefährliche Abhänge oder gewaltige, vielleicht auch geheimnisvolle Höhlen, dann hatte ich immer Bilder vor Augen, die ich auf dem Weg zum Gempenturm in mir aufgenommen hatte. Karls Mays „Im wilden Kurdistan“ spielte sich beim Lesen in meiner Fantasie hier am Gempen ab. Die Geschichte in der Höhle mit dem Indianer Joe, mit Huckleberry Fin und Tom Sawyer in dem Buch von Mark Twain, spielte in meiner Vorstellung selbstverständlich in einer der mächtigen Höhlen auf dem Gempen. Diese Wanderung hinauf zum Gempenturm ist mir Zeit meines Lebens in wunderbarer Erinnerung geblieben, so dass dieser Berg für mich immer ein Ausdruck für das Geheimnisvolle, das Abenteuer, die Sehnsucht nach der Fremde, nach dem Unbekannten und die Sehnsucht überhaupt, geblieben ist. Die Zuneigung zu diesem Berg wurde nur noch übertroffen von einem Ereignis, das mich noch mehr überwältigt hat als alles bisher Erlebte und Gesehene. - Dieses Ereignis, wie ich es nenne, dieses Erlebnis, dieser Blitz und Donner - es war ein Mädchen.

Eben dieses Mädchen, die Schwester unseres Anführers, war bei unserer Wanderung hinauf zum Gempenturm dabei. Aufgefallen war es mir natürlich schon vorher, wohnte es doch nur wenige Häuser weiter und traf ich es auch häufig vor dem kleinen Quellbrunnen mit den anderen Kindern an der Hauptstraße in Aesch, wo ich seit etwa zwei Monaten lebte. Wie ein Junge verhielt es sich, trug wie wir Jungen, die damals hochmodischen Shoothosen – eigentlich nur schlichte Turnhosen, meist dunkelblau mit Gummiband – und dazu ein Kringelhemd, das sich durch den Wechsel von weißen und blauen Querstreifen auszeichnete oder roten und weißen Balken. Wir Jungen hatten zur Steigerung unseres Outfits gelegentlich noch einen Gürtel durch die Schlaufen der Turn-, Pardon, die Shoothose gezogen, so dass das Gummiband eigentlich überflüssig war.

Dunkelblonde Haare hatte das Mädchen und diese waren in einer Weise geschnitten, wie man die Frisur bei Prinz Eisenherz aus Comicheften kennt. Meine Größe etwa hatte sie und war so was von reizend in ihrer Art, dass ich sehr bald merkte, nicht nur einen Spielkameraden gefunden zu haben. Natürlich hatte ich schon vor der Wanderung versucht, diese quirlige und so hübsch anzusehende Vertreterin des anderen Geschlechts, mit allerlei Handlungen zu beeindrucken. So hatte ich mir aus Weidenästen Pfeil und Bogen gebastelt und meine Schießkünste vorgeführt, hatte ich Geländespiele im Wohnumfeld organisiert, eine Lotterie mit einer Tafel Schokolade als Hauptgewinn auf den Weg gebracht, zusammen mit ihr die Lose dann im Freundeskreis und in der Nachbarschaft für ein paar Rappen verkauft und ähnliche kindliche Mätzchen.

Der Höhepunkt meiner Bemühungen um dieses Mädchen ergab sich aber bei der Wanderung auf den Gempen. Mehrmals gelang es mir, ihre Aufmerksamkeit über größere und kleinere Mutproben zu gewinnen, doch viel schöner noch war, wenn ich neben ihr marschieren konnte, wenn ich scheinbar ganz aus Versehen mit meiner Hand die ihre berührte und wenn ich bei Pausen, mich neben sie ins Gras legen oder auf einen Felsenstein setzen konnte. Was war das für ein herrliches Gefühl, wenn sie mich anlächelte? Wie hübsch war es, wenn sie meinen Namen "Ueli" in ihrem Schweizer, bzw. Basler Dialekt aussprach? Ja, und dann muss es passiert sein. Wir hatten eine kleine Rast eingelegt. Wie selbstverständlich saß ich neben ihr auf felsigem Untergrund. Ihr Bruder warf ihr einen Apfel zu, denn er hatte den Proviant für beide in seinem Rucksack. Sie fing den Apfel geschickt auf, jedoch nahm ich das plötzlich in einer, mir selbst völlig fremden Weise wahr. Ich weiß gar nicht, ob man zu jener Zeit schon das filmische Mittel der Zeitlupe entdeckt hatte. Jedenfalls sah ich den Vorgang des Fangens in einer Art Zeitlupe, lief dies in einer Weise vor meinen Augen ab, wofür ich das Wort noch gar nicht kannte. Es war die Anmut ihrer Bewegungen, so, wie sie einem nur ganz, ganz selten mal begegnet. Gelacht hat sie dabei nicht, doch ein so feines Lächeln lag auf ihrem Gesicht, so dass ich wie gebannt auf dieses gestarrt haben muss. Und dann fielen sie mir auf, die hübschen Sommersprossen auf und um die Nase herum, die ich bestimmt schon so oft gesehen hatte, sah ich, welch schöne, lange Wimpern sie hatte und bemerkte voller Staunen, wie wunderschön ihre Oberlippe geschwungen war, vergleichbar einem Bogen der Kämpfer von Dschingis Khan und nicht wie der meine, den ich mir aus einem Weidenast gefertigt hatte. Auf meinen Ohren spürte ich einen eigenartigen Druck und in meinem Brustraum schien es zuzugehen wie in einem Bienenkorb, aus dem alle Bewohner gleichzeitig auszubrechen versuchten, um vielleicht den süßen Nektar zu sammeln und dann zurückzubringen an das Ziel, etwa dorthin, wo es schlug, so kräftig und so schnell und so freudig - mein Herz. Gleichzeitig jedoch überfiel mich ein Gefühl, das ich im Nachhinein als eine Art von Trauer beschreiben würde oder besser, als eine unbestimmbare Sehnsucht. Ja, ein Gefühl von Glück und Sehnsucht im selben Moment, das kommt diesem Zustand wohl näher, in dem ich mich befand. Ich merkte, kein Handelnder mehr zu sein, sondern jemand, dem etwas geschieht, jemand, der ausgeliefert zu sein scheint, ausgeliefert einer Flut von bisher unbekannten Gefühlen. Beunruhigend war dies und gleichzeitig wunderschön. So richtig klar war mir natürlich nicht, was mit mir geschehen ist.

Heute kann ich es klipp und klar benennen: ICH HATTE MICH VERLIEBT.

Und jetzt bin ich wieder hier, hier oben auf dem Gempen. Viele Jahrzehnte sind vergangen.


Von Dornach aus bin ich heraufgewandert. Der Aufstieg war zwar anspruchsvoll, doch nicht vergleichbar mit dem langen Weg vor so vielen Jahren, der an der Burg Langeneck vorbeigeführt hatte. Weder an Höhlen bin ich vorbeigekommen, noch gab es Abschnitte auf dem Weg, die irgendwie gefährlich schienen. Oben angekommen, scheint sich über all die Jahre an dem Gasthaus äußerlich nichts verändert zu haben. Am Gempenturm gibt es allerdings eine Änderung. Will man ihn besteigen, so gibt ein Drehkreuz den Weg nur frei, wenn man einen Franken in den Automaten wirft. Ganz anders war das noch, als wir Kinder vor diesem Turm gestanden haben. Wenn ich mich richtig erinnere, saß damals eine alte Frau in einem Unterstand und kassierte ein paar Rappen, wollte man auf den Turm. Für uns Kinder war der Betrag damals jedoch zu hoch, so dass ich dieses entgangene Erlebnis nun Jahrzehnte später nachholen will. Zu meinem Entsetzen muss ich feststellen, dass mir bei dem Aufstieg ein wenig mulmig wird, da das Stahlgerüst relativ nahe an den steilen Abhang des Berges gebaut worden war.
Der Blick rüber nach Arlesheim, Dornach, Aesch, Pfeffingen und auch in Richtung Grellingen, lässt ganz schwach wieder Erinnerungen aufsteigen, doch bin ich letztlich froh, als ich den Turm verlassen kann. Nein, diese Begeisterung von damals vermag ich beim besten Willen nicht mehr einzufangen, so intensiv ich mir auch alles im Umfeld der Bärgbeiz Gempenturm angesehe.

Der Rückweg nach Dornach ist komfortabel. Nicht mehr marschieren muss ich, sondern sitze in einem roten Sportwagen. Neben mir am Steuer eine Frau mit kurzgeschnittenen, grauen Haaren, die den Wagen schwungvoll durch die engen Kurven auf dem Weg nach Dornach lenkt. Ich schaue von der Seite auf das noch immer schöne Gesicht, sehe die Lachfalten in ihrem Augenwinkel, erkenne die Augenfarbe wieder, die Form des Mundes. - Obwohl sie sehr sicher zu fahren scheint, werde ich in den Kurven immer mal wieder ein wenig in meinem Sitz hin und her bewegt. Sie dürfte so alt sein wie ich, erinnere ich mich. „Etwa eineinhalb Jahrhunderte karren da zusammengezählt in einem roten Flitzer den Berg hinunter“, kommt es mir in den Sinn. Mit etwas Wehmut blicke ich ein weiteres Mal zu ihr hinüber. Ihre rechte Hand löst sich vom Lenkrad, fasst nach meiner. Die Finger unserer Hände liegen aufeinander, um sich dann zu verschränken, so als gelte es den Augenblick festzuhalten. Dann lässt sie los, schaltet mit der rechten Hand wieder einen Gang runter, denn die Strecke ist jetzt sehr kurvenreich und eng. Während dieser Fahrt ins Tal sehe ich im Seitenspiegel noch einmal den markanten Turm des Gempen, wie er da so mächtig und knapp, fast schon sinnbildlich, vor dem Abgrund steht, wie er jetzt zu schrumpfen scheint, gleichsam den alten Erinnerungen, die langsam verblassen.

Plötzlich ein heftiger Ruck. Mein Kopf schwingt nach vorne. Völlig unerwartet, mich beinahe aus der Fassung bringend, steht sie plötzlich auf – sie, meine Nachbarin. Ich starre sie an. Ihre rechte Hand fasst nach dem Griff oberhalb des Kopfteils der Sitzreihe vor uns. Nicht in einem rassigen Sportwagen finde ich mich wieder, sondern im Bus mit der Nummer 67, der die meisten Fahrgäste vom Gempen nach Dornach bringen wird. „Uf Wiederluege“ oder so ähnlich, höre ich aus ihrem Mund. Dann wendet sie sich ab, um zum mittleren Ausgang des Linienbusses zu gelangen, denn die Haltestelle Dornach Kirche wird angezeigt. Beim Aussteigen blickt sie noch einmal kurz zu mir herüber, schmunzelt, nein lächelt mich unverhohlen an, so dass ich fast verlegen werde. Habe ich im Schlaf gesprochen? Habe ich sie berührt, mich an sie gelehnt? Habe ich im Schlaf nach ihrer Hand gefasst? Erfahren werde ich dies nie mehr. - Eines kann ich aber wohl mit Sicherheit ausschließen, dass sie, meine erste Liebe, meine Gempenliebe, da ganz zufällig neben mir gesessen hat - oder etwa doch?

Autor: Reineke1794

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