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Ein denkwürdiger Ausflug von Reineke1794

Auf die Minute genau, um 14.45 Uhr, betrete ich mein Einzelzimmer im Gasthaus Sonne mit Dachschräge, kleiner Gaube und entsprechend kleinem Fenster mit Blick auf die Hauptstraße von Aesch, südlich von Basel gelegen, direkt neben dem Gebäude in dem ich vor einer Ewigkeit mal gelebt habe.
Eine 7-stündige Bahnfahrt habe ich hinter mir, eine Fahrt mit dem Bus mit der Nummer 36 und der Tram Nr. 11, eine Fahrt in den Frühling ebenso, da bei den angenehmen 20 Grad die Natur hier im Süden bereits viel weiter ist als in Berlin.

Das Gelb der Forsythien, das der Osterglocken und natürlich die vielen Farben der Krokusse tun ein Übriges, diesen 25. März als wunderschön in Erinnerung zu behalten.
Vor drei Tagen hatte ich noch keine Ahnung, dass ich heute hier sein werde, da ich erst am Dienstag von meiner Tochter gehört hatte, dass sie noch zwei sogenannte „Lidl-Tickets“ hat, die am 31. März ihre Gültigkeit verlieren und sie aus Termingründen keine Reise antreten kann. Mit diesen beiden Tickets kann innerhalb Deutschlands jeder beliebige Ort mit der Bahn angesteuert werden. Noch am Dienstagabend hatte meine Tochter die Tickets vorbeigebracht und ich hatte mir dann schnell via Internet in dem Gasthaus Sonne ein Zimmer reservieren lassen. Um 13.36 Uhr erreichte ich am Donnerstag Basel Bad Bh., den Badischen Bahnhof.

Der Badische Bahnhof liegt zwar auf Schweizer Staatsgebiet, gilt jedoch durch den ursprünglich zwischen dem Großherzogtum Baden und der Schweizer Eidgenossenschaft abgeschlossenen Staatsvertrag zum Teil als deutsches Zollgebiet. Wer den Badischen Bahnhof als Transitbahnhof zwischen zwei deutschen Reisezielen verwendet, hat das deutsche Zollgebiet nicht verlassen.
Der erste Weg führt mich auf den Friedhof der kleinen Gemeinde an der Birs. Zu meiner großen Enttäuschung gibt es das Grab gar nicht mehr, das ich hatte aufsuchen wollen. Ich werde mir dessen bewusst, wie groß doch die Zeiträume sind, die ich durchlebt habe. Geblieben sind somit nur noch Erinnerungen an einen Menschen, dem ich so viel zu verdanken habe. Auch das nächste Ziel in Aesch hat mit Erinnerungen zu tun, allerdings mit sehr schönen. Ich will das Haus suchen, in dem das Mädchen mit dem Pagen-Haarschnitt gelebt hat, über das ich in meinem letzten Bericht mit dem Titel „Gempenliebe“ geschrieben habe. Gefunden habe ich das Haus, doch niemand kann mir Auskunft darüber geben, wo das Mädchen und seine Familie geblieben ist.

Welch große Freude dann aber am Nachmittag in Basel. Im Kaufhaus Globus finde ich in der Kinderabteilung diese, mir in so guter Erinnerung gebliebenen „Globibücher“. Jedes Jahr, auch jetzt noch, wird zu meiner Überraschung ein Buch - eigentlich ist es ein Comicbuch – herausgegeben. Globi, die komische Figur mit Vogelkopf und stumpfen Schnabel, besteht immer noch die wildesten Abenteuer ob nun in der Wüste Sahara oder auf Hawaii. Wie gerne hatte ich diese Bücher als Kind gelesen.

Hatte ich bei meinem letzten Besuch in dieser Gegend den Brunnen vermisst, der gleich gegenüber des Gasthauses Sonne angelegt war, der stets als Treffpunkt für uns Kinder vor vielen Jahrzehnten herhalten musste, so „finde“ ich ihn heute, am Freitagmorgen, beim Frühstück gewissermaßen wieder. Auf der Frontseite des Frühstücksraumes ist die Kopie eines Fotos – vermutlich Anfang des 20. Jahrhunderts aufgenommen – in der Größe von etwa 2 mal 3 Metern zu sehen. Das riesige Bild zeigt nicht nur das Gasthaus Sonne, sondern auch das Gebäude meines ehemaligen Domizils im vorigen Jahrhundert. Deutlich sichtbar ist der alte Brunnen, den ich so sehr vermisst habe. Übergroß ist aber auch meine Freude, mir dieses Bild während des Frühstücks wieder und wieder ansehen zu können.
Gleich nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg, um von Aesch aus zum Gempen zu marschieren. Ich möchte versuchen, die Route einzuschlagen, die wir Kinder vor so vielen, vielen Jahren genommen haben. Vorbei an der Burg Angenstein und anderen markanten Stellen, die ich in Erinnerung habe. Im Gegensatz zu damals, als eher nur Ortskenntnisse das Ziel ansteuern ließen, gibt es heute angelegte Wanderwege.

Dies hat zur Folge, dass ich somit geleitet werde und längst nicht alle Orte antreffe, die mir so lebhaft bei dem damaligen Aufstieg in Erinnerung geblieben sind. Da es sehr warm ist, hatte ich den Pullover im Gasthaus zurückgelassen. Der Anstieg ist teilweise sehr steil, weil ich einige Abkürzungen nehme und so komme ich bei meinem Tempo sehr bald ins Schwitzen. Die Sonne hat sich mittlerweile hinter Wolken versteckt. Im Hochwald komme ich an einer Feuerstelle vorbei, die von großen Scheiten genährt wird. Im Gegensatz zu damals sehe ich jedoch niemanden, der sich um das Feuer schert, schon gar nicht junge Leute wie damals, die hier ihr Mittagessen wärmen. Urplötzlich kommt ein heftiger Wind auf, der sich bald in einen Sturm verwandeln soll. Äste krachen lärmend von den Bäumen. Die Nadelbäume um mich herum werden dermaßen kräftig hin und her bewegt, dass ich befürchte, die Stämme könnten in der Mitte bersten. Unheimlich ist der Lärm, das Pfeifen und Johlen der Bäume in dieser Walze aus Sturm, Regen und Kälte. Innerhalb von Minuten scheint ein Temperatursturz stattgefunden zu haben. Es wird eisig kalt.

Längst habe ich meine Jacke angezogen, die ich zu Beginn des Ausfluges noch über der Schulter getragen habe. Da mein Hemd durchgeschwitzt ist, ist die Kälte doppelt unangenehm. Zu allem Überfluss wandelt sich der Guss schließlich in einen regelrechten Eisregen. Hier in der Höhe ist es jetzt bestimmt um viele Grade kälter als im Tal. In der Jackentasche habe ich einen Regenumhang, der in einer kleinen Plastikhülle untergebracht ist. Da ich bei dem Sturm Mühe habe, mit dem Kopf durch die dafür vorgesehene Öffnung zu kommen, also mehrmals ansetzen muss, den Regenschutz überzustülpen, sind meine Hose und Jacke im Nu völlig durchnässt. Als ich endlich den Schutz anhabe, merke ich, wie ich von der Kälte regelrecht gebeutelt werde. Meine Hände fühlen sich taub an und haben eine blaue Färbung angenommen. Somit ziehe ich die Ärmel des Plastikumhangs über die Hände und halte die Enden von innen fest. Die Kapuze ziehe ich dermaßen weit über den Kopf, dass ich eigentlich nur noch einen ganz schmalen Sehschlitz habe. Nun bleibt nur noch eines: Hinsichtlich des Tempos werde ich noch einen Zahn zufügen, um somit mehr Wärme zu produzieren. Dies zahlt sich aus, denn nach weniger als zweieinhalb Stunden nach dem morgendlichen Start erreiche ich das Restaurant vor dem Gempenturm. Erwartungsgemäß bin ich der einzige Gast in dem ungeheizten Gastraum. Ich bestelle zunächst einen heißen Tee, um mich etwas aufzuwärmen. Gott sei Dank ebbt der Sturm nach und nach ab. Als der Regen dann in einen Landregen übergeht, fasse ich den Entschluss, mich auf den Rückweg zu machen. Diesmal will ich jedoch auf der anderen Seite des Gempens marschieren, nämlich in Richtung Dornach. Je weiter ich nach meinem Aufbruch nach unten komme, desto weniger kalt ist mir. Dennoch nehme ich eine heiße Dusche, als ich am Nachmittag wieder im Gasthaus Sonne bin.

So unwirtlich wie heute, habe ich den Gempen noch nie erlebt. Da es laut Wetterbericht regnerisch und kalt bleiben soll, beschließe ich, morgen nicht erst gegen 15 Uhr die Rückfahrt anzutreten, sondern bereits den ICE um 10.22 Uhr zu nehmen.

Und so sitze ich jetzt in einem völlig überfüllten Zug, der Richtung Berlin rast. Freiburg, Offenburg, Karlsruhe, Mannheim wurden bereits passiert. Sogar am Fenster hatte ich in einem Abteil noch einen Sitzplatz gefunden. Es ist laut. Ständig läutet ein Handy, wird in voller Lautstärke kommuniziert. Meine Sitznachbarin hat einen Laptop auf den Tisch gestellt und sieht sich einen Spielfilm von einer DVD an. Ja, ein bisschen staune ich schon darüber, wie sich das Reisen mit der Bahn verändert hat. Gelegentlich spiegelt sich mein Kopf in der Scheibe, wenn wir einen dunklen Hintergrund passieren. Ein älterer Mann mit sehr kurzem Haarschnitt beiderseits der Glatze blickt mir dann entgegen. Wiederum mit leichtem Erstaunen stelle ich fest, hier im Abteil der Älteste zu sein und dies mit einigem Abstand. Draußen huscht heute eine eigentlich herbstliche Landschaft vorüber. Regen peitscht gegen die Scheiben. Kein Hauch mehr vom Frühling, wie noch vor wenigen Tagen.

Mir kommt der Vers von Erich Kästner in den Sinn, in dem es heißt:

Wir sitzen alle im gleichen Zug und reisen quer durch die Zeit.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir fahren alle im gleichen Zug. Und keiner weiß wie weit.



Diesen Vers hatte ich auf die Einladung anlässlich meiner Abschiedsfeier vom Kollegium vor einigen Jahren gesetzt. Ich hatte dann noch in Anlehnung an diesen Vers einen weiteren getextet:

Ein Fahrgast lacht, ein anderer klagt,
ein dritter steigt jetzt aus in aller Ruh.
Er blickt ihm nach, dem Zug, der durch die Jahre jagt.
Steht da und denkt verdutzt:
Nanu?

Autor: Reineke1794

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