Wer ist das Alphatier?
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 08.06.2021, 22:18
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An einem kalten und trüben Tag im Kindergarten. Eine neue Mutter war mit ihrem 4- jährigen Sohn zum Aufnahmegespräch gekommen. Ich saß mit ihr in der Küche, das Kind war bei meiner Praktikantin im Gruppenraum.
Ich war etwas abgelenkt, weil ich aus dem Badezimmer laute, johlende und lachende Stimmen hörte, und ich bat die Mutter, einen Moment zu warten, weil ich mal kurz nachschauen wollte. Als ich die Tür vorsichtig öffnete, traf mich fast der Schlag. Da standen 8 kleine Jungen mit runtergelassener Hose und pinkelten gegen den Spiegel, der über dem Waschbecken hing. Ich war fassungslos und fragte ganz dumm, was sie hier machen, obwohl ich sofort sah, was hier vorging.
Fröhlich und ohne jedes Schuldbewusstsein redeten alle durcheinander und sagten: "Gitti, wer am höchsten pinkeln kann und es über den Spiegel schafft, der ist unser Chef. "Moment mal", meinte ich, "die Chefin hier bin ich, und ich kann nicht am höchsten pinkeln und jetzt zieht ihr eure Hosen hoch und geht erst einmal raus." David sagte ganz kleinlaut: "Du bist ja auch ein Mädchen." Ich schloss das Bad, neben mir stand die neue Mutter, empört, in was für einen Kindergarten sie geraten war. Sie nahm ihr Kind und war weg.
Meine Zwerge gingen in den Gruppenraum, leise und doch etwas verunsichert wegen meiner etwas ungewöhnlichen Reaktion. Ich muss wohl recht streng gewirkt haben. "Wir machen in einer Viertelstunde ein Gruppengespräch, und ihr denkt mal darüber nach, wer das saubermachen soll. Ihr bekommt einen Eimer und viele Lappen und werdet damit eine Weile beschäftigt sein."
Viele Gedanken hüpften durch meinen Kopf, ich machte mir erst einmal einen Kaffee und überlegte, wie ich damit umgehe. Keine Moral, sagte ich mir und auf keinen Fall Strafe, sondern mich einfühlen, zuhören, was in den Köpfen meiner kleinen Jungen abgelaufen ist. Und da wurde mir klar, dass das, was meine Zwerge taten, genau dasselbe ist, warum einige Männer das größte Auto, die meisten Muskeln und viel Geld haben wollten. Es muss wohl mit den männlichen Genen zusammenhängen, und dann musste ich schmunzeln. Auf der unbewussten Ebene hatten das sogar meine kleinen Jungs schon in sich.
Das Gespräch mit meinen kleinen "Männern" lief dann sehr entspannt. Wir sprachen darüber, dass es weder darauf ankommt was jemand besitzt oder wie stark er ist und schon gar nicht, wie weit jemand pinkeln kann. Alle kicherten.
Wichtig sind Gedanken, Gefühle, Ideen und Phantasie und ob man wirklich zuhört, wenn jemand einen Kummer hat. "So wie neulich, als Fabian einen Kummer hatte?" "Ja, genau so, und erinnert ihr euch, es war toll für Fabian, dass wir ihn dabei die ganze Zeit anguckten?"
Ich setzte einen Elternabend an, auf dem wir darüber sprachen, welche Werte wir unseren Kindern vermitteln und dass Strafen die Situation nur oberflächlich lösen. Ich habe viel Betroffenheit gespürt, aber auch entspanntes Lachen. Eine Woche später renovierten die Väter das Bad.