Weihnachten bleibt Weihnachten - aber immer anders
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Feierabend-Mitglied
Dienstag 14.12.2021, 12:09 – geändert Dienstag 14.12.2021, 12:14
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Dienstag 14.12.2021, 12:09 – geändert Dienstag 14.12.2021, 12:14
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Diese Geschichte ist eine Wiederholung. Ich habe sie 2013 geschrieben.
Weihnachten war in unserer Familie das Fest des gemeinsamen Erlebens. Das Feiern selbst veränderte sich jedoch im Laufe der Jahrzehnte. Zuerst starb die Schwiegermutter, dann ging das Kind aus dem Haus, später kamen am 24. Dezember die Freunde dazu.
Ein Ritual aber blieb jahrzehntelang erhalten. Am Tag vor dem Heiligen Abend wurde ein schäbiger Umzugskarton aus dem Keller geholt, dick beschriftet mit „Weihnachten“. Und darunter „Christbaumständer“, „Christbaumschmuck“, „Räuchermännchen“ und "Damenkapelle".
Plötzlich jedoch war mit einem Schlag alles anders. Ich war allein. Versteinert sah ich die Zukunft nicht in grauem, sondern in schwarzem Nebel. Vorwärts ging es nur von einem Tag zum anderen. Nach sechs Monaten endlich Trauer. Es lösten sich Sturzbäche von Tränen – wochenlang Tag und Nacht.
Wieder kam Weihnachten. Ich feierte mit Freunden, in den darauffolgenden Jahren mit Tochter, Schwester und wieder mit Freunden – harmonische, festliche und auch fröhliche Tage. Es schmerzte nicht, es war nur anders.
Nach etlichen Jahren baute sich plötzlich ein Mann vor mir auf. „Halt! Zwei Jahre habe ich still auf Dich gewartet und ich wünsche mir nichts mehr, als dass wir unseren Weg gemeinsam fortsetzen.“ Viele bewegende Worte durfte ich in mich aufsaugen. Sie haben ihre Wirkung nicht verfehlt.
Und dann stand erneut Weihnachten vor der Tür. Selbstverständlich feiern wir gemeinsam – bei ihm. Als ich am 23. Dezember seine warme, gemütliche Wohnküche betrat, stand das „gute“ von der Mutter geerbte, handgespülte Porzellan bereits glänzend auf der Anrichte – voller Erwartung auf die leckeren Festtagsspeisen. Gans und Co. lagerten in Kühlschrank und Speisekammer, weitere lukullische Köstlichkeiten wurden gerade dem Auto entladen.
Während der Hausmann schleppte und schleppte, stieg ich die Treppe hinauf zum Wohnzimmer, wo unter einem der drei Fenster der kleine runde Tisch abgeräumt und vorbereitet war für den Weihnachtsbaum. Und dann entdeckte ich ihn – einen alten Umzugskarton, etwas ausgebeult und abgeschabt, beschriftet mit großen Lettern: „Weihnachten“. Und darunter „Kugeln“, „Adventskalender“, „Nussknacker“ und "Christbaumspitze". Auch er wurde vermutlich jahrzehntelang immer wieder zu Weihnachten aus seiner dunklen Ecke befreit.
Eine ungeheure Wärme stieg in mir auf, durchflutete die Stube und das Haus. Ich hatte ein Stück innerer Heimat wiedergefunden.
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Ein Jahr später wieder Tränen. Er hat es nicht geschafft. Im November 2014 Abschied für immer.