Unser Fitzlibutzli
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Feierabend-Mitglied
Donnerstag 10.11.2022, 10:27 – geändert Freitag 11.11.2022, 21:43
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Er hatte sich vor Jahren aus unserem Kreis verabschiedet und wir dachten, wir sähen ihn niemals wieder. Doch er kam zurück - unter falschem Namen.
Gestern hatte er Geburtstag und ich wiederhole hier meine Geschichte von damals.
Herzlichen Glückwunsch lieber Oskar/Carlos oder Fitzlibutzli/Fiddigeigei. Wir lieben Dich.
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Ich glaubte an Wunder, als ich hier auf diesen Mann stieß. Angeblich war er stark, besaß keine Haare, hatte eine breite Nase und trug einen Schnurrbart. Seine Frau nannte er Heidelinde und sie kam aus dem Frankenland. Dort hatten die Sieben Zwerge sie ausgemustert wegen einer Sommersprosse am Knie. Außer Heidelinde besaß er ein T-Shirt, eine Jeans, eine Sporthose und Joggingschuhe, die sprechen konnten. Diese Schuhe standen im Keller. Dort, wo auch der Wein lagerte. Und manchmal schlich er nicht daran vorbei, sondern dorthin, um etwas von dem guten Roten zu „schlotzen“.
Um 5 Uhr in der Früh, wenn Heidelinde noch im Schlummer lag, kroch dieser Mensch aus dem Bett hin zu seinen Schuhen, erkundigte sich nach ihrem Befinden, zog sie an und rannte los. Und an allem, was er dann erlebte, konnten wir monatelang teilhaben. Wir kennen die Sonne, die im Sommer morgens den Schweiß auf die Stirn trieb, wir kennen den Mond, der im Winter den Weg beleuchtete, den Nebel, der die Sicht versperrte, den Regen, der in seinem Nacken herunter strömte, die Aussicht auf Madame Vogese und auf das Straßburger Münster im Morgendunst. Wir hörten das Glöcklein am Kloster der Franziskanerinnen, hörten sein leises Weinen am heimatlichen Friedhof und sein fröhliches Guten Morgen, wenn Helenchen im weißen Nachtgewand die Zeitung ins Haus holte.
Außer Heidelinde gehörten neben Sohn und Schwiegertochter noch zwei Enkel zur Familie. Mit ihnen erlebten wir gemeinsam auf der Goldenen Schnecke die aufregendsten See-Abenteuer bis eines Tages der Kapitän kündigte und Ritter auf einer Burg wurde. Dort verteidigte er mit Schwerterrasseln seine Burgfräulein-Schwester gegen kämpferische Eindringlinge. Und bis heute können wir nur hoffen, dass alle überlebt haben.
Unser Mensch war der Natur verbunden, wanderte gerne allein durch Wald und Flur. Wir spürten, wenn das Heidelbeerkraut an seinen Waden kratzte oder ein Bach ihn mit kühlem Wasser erquickte. Wir waren dabei, wenn die Ziegen im Herbst vom Berg herabgetrieben wurden oder wenn aus einer kleinen Brennerei fürs Weihnachts-Fondue das Obstwässerle herangeschleppt werden musste. Er konnte fantastisch kochen und würzen und sammelte für uns die Rezepte. Er gab Buchsbaum-Parties mit viel Schnaps für die Nachbarn und Reiterei-Vorstellungen in der Mongolei. Durch ihn haben wir erst die Sonderangebote unseres Lieblings-Discounters begriffen und mit ihm haben wir die Kisten für die „Tafel“ geschleppt.
Wir haben ihn sehr geliebt. Er jedoch hat uns verlassen. Und leider ist uns nicht mal seine Seele geblieben, geschweige denn seine chinesische Uhr.