Tagebuch einer Flucht
Von
Feierabend-Mitglied
Donnerstag 10.03.2022, 10:46 – geändert Donnerstag 10.03.2022, 10:47
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
Feierabend-Mitglied
Donnerstag 10.03.2022, 10:46 – geändert Donnerstag 10.03.2022, 10:47
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Ausnahmsweise möchte ich Euch heute einmal einen Text anbieten, der nicht von mir, sondern von meinem verstorbenen Ehemann stammt. Jetzt wiederholen sich die Bilder.
Tagebuch eines 13-/14-jährigen Jungen aus den Jahren 1945/46
von Elbing bis ins Oberbergische
geschrieben auf winzig kleinen Zettelchen in winzig kleinen Buchstaben
(beim Aufräumen gefunden). Ich habe es abgeschrieben, damit es leserlich ist.
Nie vorher und nie mehr danach hat er ein Tagebuch geführt, nur für diese Zeit.
04.02.1945 abends kamen die ersten Russen
07.02.1945 vormittags wurde Papa verschleppt
19.05.1945 wurden wir Polen
15.07.1945 ist Tante Anna gestorben, bald danach ist auch der Onkel gestorben
08.08.1945 fing die Mutti an zu arbeiten
12.09.1945 bis
08.10.1945 war ich krank
07.10.1945 haben uns die Russen alle Mäntel und Kleider geklaut
08.10.1945 wurden wir rausgeschmissen
09.10.1945 klauten die Russen das Letzte
10.10.1945 die Betten. Dann zogen wir zu Koch und die Mutti lag drei
Wochen krank.
08.11.1945 bis
21.11.1945 wurden wir jeden 2.-3. Tag beklaut
12.12.1945 zogen wir nach Saarlandweg 38
18.12.1945 wollten sie uns gleich wieder rausschmeißen
08.03.1946 das erste Mal Typhus-Schutzimpfung. 1Zl
15.03.1946 2. mal geimpft
19.04.1946 bis
24.04.1946 Pflichtarbeit
01.07.1946 Die ersten Transporte fahren morgen, wir sind noch nicht dabei
Juli 1946
13. Auswanderschein
14. 1 ½ -2 Std. warten vor dem Silo. Scheine geprüft
Treck Nr. 33 zugeteilt
nicht angeschrieben, wieder zurück
Warten ½ Std.
Gruppe 39 zugeteilt, diesmal angeschrieben
Wieder Weilchen warten
Polnische Papiere abgeben
Mit Spritze Lauspulver. Ganz weiß.
Einsteigen
Verpflegung: 2 Personen ein kleines Brot, 1 Löffel Zucker,
1 Löffel Büchsenfleisch und Kinder bis 10 Milchpulver
2 Uhr Abfahrt mit 3 Berliner Kähnen und 1 Schlepper
durch Kraffohl in die Nogat.
Nogat nachmittags bis abends liegenblieben
Noch ein Schlepper, Abfahrt etwas schneller
15. Ganze Nacht durchgefahren
Nachmittag 2-8 Uhr unser Schlepper kaputt.
8 Uhr zwei neue, einen für uns und einen für den kaputten
9 Uhr abends in Danzig ausgeladen
Regen in Strömen, alles naß
Posten sagen, bis zum Zug 300-500 m gehen. 20 Minuten gehen
1-2 Stunden lagern, dann noch zehn Minuten bis zum Zug.
Eingeladen wurden wir in Viehwagen.
In unserer Gruppe waren 62 Personen.
Ungefähr 24 Uhr Abfahrt.
16. Ganze Nacht gefahren, den ganzen Tag auch.
17. Ganze Nacht gefahren
6.10 Uhr Stargard Belgard.
Nachmittag zwischen 7 und 8 Uhr in Stettin-Trauendorf angekommen.
In einem Haus lagern, nicht genug Platz, ungefahr ¼ schlafen unter freiem Himmel.
18. Morgens 8 Uhr weiter, 200 bis 300 alle weiter ins richtiger Lager.
Wimmelt wie im Ameisenhaufen.
Wieder Lauspulver
Zollkontrolle. Sparbuch futsch, sonst ziemlich anständig.
Einige Stichproben, Uhren und Trauringe wurden nicht angerührt.
Essen ½ l Suppe wie Wasser und 1 l Kaffee und 5 Personen 1 Kilo Brot.
Austreten morgens noch auf der Wiese, abends Abort fertig.
10 Sitze auf jeder Seite
19. Sehr eng in unserm Zimmer, aber einig, kein Streit.
Suppe etwas besser, bloß Kaffee.
Heute sollte Transport 56 abfahren, fuhr nicht.
20. Morgens 4 Uhr fuhr heute der halbe Transport 56 ab.
Der Kaffee wird immer wässriger, er sieht schon aus wie Tee.
Mittag Grütze
21. Heute fuhr Transport 56 und die Hälfte 57.
Hoffentlich fahren wir morgen, es wird Zeit.
22. Wir hucken noch immer hier.
23.
24. Heute soll ein Transport fahren.
25.
26.
27.
28.
29. ½ 11 Oelsen aussteigen, Entlausung, Arzt.
Verpflegung Milchhaferflocken,
Marschverpflegung ¼ Wurst, ½ Kilo Brot, 50 g Butter.
Transport geteilt, wir fahren nach Wipperfürth,
die anderen bleiben noch hier.
30. Abfahrt Ülsen ¾ 11
¼ 12 Suderburg
¾ 12 Eschede
¾ 1 Celle
1 Lehrte
1.52 Hannover-Linden
½ 3 Haste
3 Stadthagen, Minden, Hermannsdenkmal verschlossen
5 Weserbrücke
5.05 Bad Oenhausen
5.10 Löhne
5.30 Schweichen
5.40 Herford
5.50 Brake b. Bielefeld
6.10 Bielefeld Hbf. Bielefeld ist sehr zerschlagen
6.20 Ummel
6.25 Inselhorst
6.30 Gütersloh
7 Rheda
7.15 Oelde
7.25 Neubeckum
7.30 Vorhelm
7.35 Ahlen
7.45 Haessen
8.15 Hamm
Verpflegung Suppe und 1ne Klappstulle mit Butter und Wurst
31. ¼ 6 Wipperfürth
Rheinisches Auffanglager
Frühstück 1 Butterstulle
Dann Registrierung, ärztliche Untersuchung und Entlausung.
Mittag gut und reichlich.
Wir kommen heute noch um ½ 4 mit Omnibus weiter nach Dieringshausen.
5 Uhr Registratur und Verteilung
Ründeroth, ärztliche Untersuchung.
Wir sind in einem Hotel und bekommen Essen so viel wir wollen.
Dann werden wir mit einem Lastauto zur Übernachtungshalle.
Zweistöckige Betten, Strohmatratze und eine wollene Decke,
elektrisches Licht ist auch da.
1.8.. ¾ 7 kommt das Auto uns abholen.