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Sexualkundeunterricht

Von Feierabend-Mitglied Montag 01.11.2021, 08:39

Mein kreativer Bruder mit ungewöhnlichen Ideen arbeitete als Lehrer 1986 in einem sozialen Brennpunkt in Berlin. Er hatte eine Klasse von 25 Schülern und Schülerinnen im Alter von 15-17 jährigen Jugendlichen. Sein Fach war u.a. Sexualkunde. Besonders für diesen Unterricht brauchte er neues Material, denn die Unterrichtsbücher gaben zu diesem Thema nichts Zeitgemäßes her.

So begab er sich zum Direktor, fragte nach neuem Material, bekam eine schroffe Absage und überlegte sich einen Weg, wie er den Jugendlichen einen anschaulichen Unterricht anbieten konnte. Nach reiflichem Überlegen begab er sich in einen Sexshop zu Beate Uhse und kaufte auf Rechnung, alles was er als Information für notwendig hielt. Darunter waren diverse Sorten von Kondomen, Sexspielzeug, Wäsche, diverse Hilfsmittel und Broschüren. Auch eine aufblasbare Gummipuppe hat er erstanden. Mit einer Rechnung über ca. 800.-DM und dem Zusatz “Lehrmittel” verließ er den Laden. Diese Dinge baute er im Unterrichtsraum auf, zog die Kondome über abgerundete Holzkegel und erwartete seine Schüler und Schülerinnen.

Er hatte sich gut vorbereitet, anfassen der Dinge war erlaubt und der lustvolle Umgang mit diesen Dingen wurde erklärt, besonders kritischen wurde die Werbung hinterfragt und wie sie zu einem verantwortungsvollen Umgang mit ihrer Sexualität kommen können. Das Thema Verhütung, ungewollte Schwangerschaft, Aids und Respekt nahmen großen Raum ein. Auch die unterschiedliche Einstellung von Frauen und Männern und die Sozialisation zu diesem Bereich wurde thematisiert. Nach der ersten Verblüffung der Schüler wurden viele Fragen gestellt, die ihnen auf der Seele brannten. Die offene, ernsthafte und auch humorige Art meines Bruders machte es möglich, in das Thema in einer Art einzusteigen, wie sie es bisher nicht kannten. Eine Woche später wurde der Unterricht fortgesetzt, denn es war noch viel dazu zu sagen Immer mehr Fragen wurden gestellt und das Vertrauen zu ihrem Lehrer wuchs.

Der Lehrer ging zum Direktor, legte die Rechnung von Beate Uhse vor und bat um die Erstattung von 800.-DM. Dieser schnappte nach Luft, war außer sich und brüllte, er solle sofort das Büro verlassen, mit so einem “Schweinskram” möchte er nichts zu tun haben. Am nächsten Tag ging er zum Schulrat, legte ihm die Rechnung vor und bat um Erstattung. Fassungslos regierte auch dieser und schmiss ihn raus. Mein Bruder drehte sich in aller Ruhe um und sagte noch: “Diese Verweigerung von wichtigem Lehrmaterial können sie morgen in der Tageszeitung lesen, ich habe noch heute einen Termin mit einem Reporter der BZ," und verließ ruhig den Raum. Der Schulrat lief ihm nach: “Warten Sie, ich gebe ihnen das Geld aus meiner Tasche, diese Rechnung wird aber in meinen Unterlagen auf keinen Fall erscheinen.”

Mein Bruder bedankte sich, ging entspannt nach Hause und setzte den Sexualkundeunterricht in neuer Form und zur Freude der Schüler weiterhin ohne autoritäre Reglementierung fort.

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