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Seelenkampf

Von tastifix Donnerstag 25.08.2022, 10:19 – geändert Donnerstag 25.08.2022, 13:59

Mittelalter ...
Getragen von leicht plätschernden Meereswellen passierte ein Schiff die Hafeneinfahrt und ankerte an seinem Liegeplatz. Die dunklen Konturen zeichneten sich geheimnisvoll gegen den vom Vollmond erhellten Nachthimmel ab. An Deck standen Bootsbesitzer Adam und dessen Freund Tobias.

Das Führerhaus mit dem imponierenden Steuerrad sowie unter Deck den Mannschafts- und den Lagerraum hatte Adam Tobias bereits gezeigt und führte ihn nun einen langen düsteren Gang entlang auf seine Privatkabine im hinteren Teil des Schiffes zu. Auf den Wänden zuckten bizarre Schatten, das Bodenholz knirschte unter ihren Schritten. Es herrschte eine eigentümlich bedrückende Atmosphäre, die sich als Zentnerlast auf Adams Gemüt und noch schwerer auf das seines Gastes legte. Ihr Gespräch verstummte. Immer unruhiger flackerte Adams Blick, seine Miene war zur Maske erstarrt.

Tobias beschlich ein eigenartiges Gefühl, dass er nicht zu deuten vermochte. Doch, je weiter sie liefen, wandelte sich jenes Gefühl in Verunsicherung und geriet zur Panik. Leichenblass geworden blieb er plötzlich stehen. Seine Stimme bebte und die Hände zitterten.
„Irgendetwas stimmt hier nicht, Adam!“
Tobias fühlte, dass man sie beobachtete, ja, belauerte. Doch Adam antwortete nicht, sondern starrte nur wie hypnotisiert auf eine mit zwei mächtigen Holzbalken verbarrikadierte Tür.
„Adam, was ist dahinter?“
Noch immer schwieg sein Freund. Tobias aber fröstelte es, denn von dorther traf sie plötzlich eine Eiseskälte.
„Komm, schnell weg von hier!“
Thomas wehrte sich noch mit aller Energie gegen den sie nun auf jene Tür zuziehenden unheimlichen Sog, wollte fliehen. Adam jedoch bewegte sich derweil, von unsichtbarer Hand wie eine Marionette gezwungen, willenlos auf sie zu. Entsetzt riss Tobias ihn am Ärmel zurück.
„Adam, nein! Mir graust es ... Sag, was ist hier los??“
Die Antwort darauf ließ ihm den Atem stocken.

Stöhnend boxte Adam die beiden Holzbalken aus den Klammern. Sie krachten zu Boden. Wie von Geisterhand öffnete sich langsam die schwere Tür. Die grauenhafte Lautlosigkeit dabei untergrub den Freunden jeglichen weiteren Gedanken an Gegenwehr. Schon klaffte der Eingang weit offen. Aus einem nachtschwarzen Raum waberten ihnen gräuliche Nebelschwaden entgegen, in denen sich schemenhafte Gestalten formten, Körper Verstorbener. Sie verharrten im Hintergrund und schienen Adam und Tobias aus leeren Augenhöhlen unaufhörlich anzustarren. Die Freunde verhielten wie gelähmt. Auf einmal löste sich eine der Schattengestalten aus der Gruppe und trat vor. Nicht länger blieb sie ein Schemen, sondern wurde zu einer alten Frau mit edlen Gesichtszügen. Sanft lächelnd versuchte sie Adam zu betören:
„Folge mir! Dich erwartet die Unsterblichkeit! - Koomm!!“
Die einschmeichelnde Stimme verfehlte ihre Wirkung nicht und traf Adam ins Herz. Es war die seiner Mutter, welche ihn zu sich in das Reich der Unsichtbaren lockte. Aber der heuchlerische Klang in der Stimme ließ Adam den Atem des Bösen erkennen, gegen den er, der Edelmann, zum Glück gefeit war, was ihm neue Widerstandskraft verlieh.

Derweil wagte sich das Wesen, das Adams Mutter war, näher und setzte nun all seine dämonische Macht ein. Mit lieblichen Worten war es ihnen nicht beigekommen. Jetzt zeigte es sein wahres Ich, eine abscheuliche Fratze der Verlogenheit.Verkrüppelte Krallenhände kündeten von einem schrecklichen Geheimnis, das Adam bis zu diesem Tag bewahrt hatte.
„Sie kann uns nichts. Uns schützen die Geister des Guten!“
Es weckte Tobias aus der Hypnose des Grauens, auch er schüttelte den höllischen Einfluss ab. Fragen zu stellen, war er noch unfähig, aber die Kraft des tiefen Vertrauens zum Freund war mächtiger als alle dämonische Zauberkraft.
„Wir sind behütet!!“, bekräftigte Adam nochmals.
Seine jetzt entspannte Mimik zeugte von aufkeimender Zuversicht. Den Geist der Mutter scharf im Auge behaltend, wandte er sich der rechten Wand zu. Auch dort befand sich eine Tür, jedoch weder mit Symbolen der Brutalität gekennzeichnet noch verriegelt. Dagegen schmückte sie ein weißes Kreuz. Hatten Adams Worte die Freunde beruhigt oder der eigene Glaube? Oder beides? Sie wussten es nicht zu sagen.

Adam öffnete die Tür. Auch diese knarrte und quietschte nicht. Aber es war eine andere Lautlosigkeit, eine friedliche Stille. Fasziniert blickten sie in den von einem strahlenden Licht erhellten Raum dahinter und vernahmen eine leise, von unsichtbaren Geigen gespielte Musik. Langsam näherte sich die Gestalt eines Kind, auf dessen Gesicht ein frohes Lächeln lag und trat zu ihnen.
„Mein Bruder!“, sprach es Adam an. „Und Du, Tobias … Fürchtet Euch nicht! Adam: In Deinem Herzen waren wir nie wirklich getrennt. Heute dürft Ihr mir in die himmlische Welt folgen!“

Derweil richtete das Gute den Blick auf das Böse, das sich fluchend unter diesen Worten krümmte und wand. Die Magie der Hölle war machtlos. Die Fratze der Mutter verzerrte sich, ihre Gestalt zerriss in Fetzen. Jene verblassten und der Spuk verschwand in die Verdammnis. Die Zauberkraft der Mutter war für ewig gebrochen. Das Tor zur Hölle verschloss sich wieder, um jenes Entsetzliche nie mehr freizugeben.
Sich bekreuzigend, fielen Adam und Tobias auf die Knie und fühlten sich aufgehoben in Gottes Hand.
„Werdet Ihr jetzt mit mir gehen?“, schaute das Kind sie bittend an.
„Noch nicht, nooch ist es zu früh!“, stammelte Adam. „Aber nun werde ich Tobias alles erzählen. Auch er wird im Herzen mit Dir verbunden sein!“
Ein Leuchten glitt über das kindliche Antlitz.
„Wenn Ihr Hilfe braucht, dann ruft mich jederzeit! - Lebt denn wohl. Ich kehre jetzt zurück in meine Welt!“
Einen Moment lang streichelte es sanft Adams Hand. Wieder erklang die zarte Melodie. Das Kind schritt zurück in den Raum. Lautlos schloss sich die Tür hinter ihm. Der Gang, der ihnen so viel Schrecken aufgebürdet hatte, wirkte nicht länger düster und kalt. Es war, als ob Tausende von Lichtern ihn erhellten. Die Freunde empfanden Erleichterung. Gelassener setzten sie ihren Weg fort.

In Adams Kabine angekommen, drängte Tobias:
„Bitte erzähle mir. Was ist damals geschehen?“
„Tobias, wie Du weißt, bin ich der älteste Sohn sehr armer Eltern. Ihr Wunschkind, für das sie viele Opfer brachten. Aber nach ein paar Jahren war ihre Ehe fast zerrüttet. Dennoch kam noch ein Geschwister, mein Bruder, zur Welt. Danach verschlechterte sich ihr Verhältnis zueinander noch mehr. Mutter begann Vater zu hassen und wünschte ihn zur Hölle. Sie übertrug diesen Hass auf ihr jüngeres Kind und ließ es verwahrlosen. Eines Tages kam es zur Katastrophe: Nach einem schlimmen Streit mit Vater stürzte sie sich in unbezähmbarer Wut auf meinen wehrlosen Bruder, ließ es an ihm aus, prügelte ihn blutig und würgte ihn gar zu Tode.“

Adam verhielt einen Augenblick. Dann fuhr er fort:
„Die Gerechtigkeit ereilte sie und sie endete am Galgen. Während sie noch mit dem Tod rang, verfluchte mein Vater sie:
„Dein Geist soll niemals Ruhe finden, die Dämonen der Hölle ihn solange quälen, bis Du von deinem eigenen Sohn für immer vernichtet wirst.“
„Und dein armer Bruder?“, fragte Tobias erschüttert.
„Du bist Zeuge geworden, mein Freund!“,erwiderte Adam. „Er war ein unschuldiges Kind. Die Heimat eines solchen Kindes ist der Himmel!“

Sie saßen noch lange zusammen. Das Band des gemeinsamen Geheimnisses machte die Freundschaft noch inniger. Für ihr ganzes weiteres Leben lang.

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