Schwedenverschickung Teil 3
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Feierabend-Mitglied
Mittwoch 16.03.2022, 08:39
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Meine neue Pflegemutter war eine liebevolle Frau, die allerdings nur schwedisch sprach, da hab ich gelernt, dass man auch ohne die Worte zu verstehen vertrauen kann. Auch mein Pflegevater Eric sprach viel schwedisch, übersetzte aber und so lernte ich sehr schnell.
Annelie, arbeitete als Friseuse, Eric war Ingenieur, beide waren voll berufstätig und auf ein Ferienkind gar nicht eingestellt. Kleine 2-Zimmerwohnung und isie machten mir jeden Abend ein liebevolles Bett im Wohnzimmer auf der Couch. Ich wurde mit offenem Herzen aufgenommen.Wenige Tage später war Pfingsten und am Pfingstsonntag weckten mich beide mit einem Körbchen, mit einem ganz jungen Kurzhaardackel, damit ich tagsüber nicht so viel allein bin. Emil Svenson, der Vorname deutsch, der Nachname schwedisch, begleitete mich seitdem auf Schritt und Tritt. Ich konnte es nicht glauben und war so glücklich.Wir bummelten durch die Stadt, besuchten Annelie oder Eric auf der Arbeit, ich bekam immer ein paar Kronen, um mir mal ein Eis oder etwas zum Trinken zu kaufen. Ich hatte soviel Freiheit, bekam Liebe und Aufmerksamkeit, ging mit einem Zettel einkaufen und Emil Svenson immer an meiner Seite. Abends aßen wir zusammen, mit Emil. Es gab wunderbares Essen, Dinge, die ich nicht kannte. Annelie hatte mal als Schneiderin gearbeitet und nähte mir wunderbare farbenfrohe Kleider, sie gingen mit mir einkaufen und ich bekam so hübsche Dinge zum Anziehen. Oft pflückte ich bei meinen Spaziergängen auch wilde Blumen und stellte sie abends auf den Tisch.
Jedes Wochenende fuhren wir mit der Fähre auf die Insel Öland, wo meine Pflegeeltern ein kleines Häuschen mit Garten hatten. Annelie und Eric hatten jeder ein Moped, sie kauften ein Körbchen für Emil, ich saß bei Eric auf dem Gepäckträger. So fuhren wir jeden Freitag Abend zum Hafen, mit der Fähre über den Öresund zu dem kleinen Häuschen. Das waren wunderbare Wochenenden, wir badeten im Meer, das liebte ich über alles. Wir luden Nachbarskinder ein, machten Ausflüge über die Insel mit den vielen alten Mühlen (gamla kvarnen) und abends, oft am Feuer, lasen sie mir Geschichten auf Schwedisch vor, ich liebte meine Pflegeltern sehr.
Langsam kam die Zeit des Abschieds. Ich schrieb nach Hause und fragte, ob ich Emil Svenson mitbringen darf, es war ja mein Hund. Mein Vater schrieb zurück: "Entweder du kommst allein oder du bleibst mit dem Hund ganz da". Ich weiß noch, dass ich mich an diesem Abend mit Emil im Arm in den Schlaf weinte.
Annelie, Eric und Emil brachten mich zum Bus. Mein Herz war schwer und ich hatte Emil auf meinem Arm. Beim Einsteigen musste ich ihn abgeben, tränenreiches Loslassen, viele Umarmungen, dann ging es los. An die Rückreise erinnere ich mich kaum, ich glaube, ich habe nur geweint.
In Berlin empfing mich die graue Großstadt, wehmütige Erinnerungen und die Enge. Ich kam mir mit meinen farbenfrohen Kleidern und nicht mehr so blass, wie ein Paradiesvogel vor. Ich hatte Mühe, mich zurechtzufinden, das gab viele Konflikte. Die Rebellion war in mir erwacht. Aber die Sehnsucht nach Freiheit habe ich nie wieder verloren.