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Schwedenverschickung 1955 Teil 1

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 15.03.2022, 08:27

Mit 10 Jahren wurde ich als Berliner Ferienkind für 3 Monate nach Schweden verschickt. Ziel war die Insel Öland im Südosten von Schweden. Unser Gepäck bestand nur aus einem Schuhkarton, in dem Unterwäsche zum Wechseln war, eine Zahnbürste, ein kleines Kuscheltier und ein zweites Paar Schuhe. Das besaß ich nicht, es musste erst gekauft werden. Wir sollten in Schweden in der Gastfamilie neu eingekleidet werden.

Wir fuhren mit vielen Kindern und einigen Betreuern mit der Bahn unserem unbekannten Ziel, fremden Menschen und einer fremden Sprache entgegen. Die Bahn fuhr auf riesiges Schiff, wir durften den Zug nicht verlassen, damit keines verloren ging. Wieder an Land stiegen wir in einen Bus, der uns Kinder nach und nach zu verschiedenen Orten brachte, wo wir von fremden Menschen abgeholt wurden. Mein Herz war so bang, ich fühlte mich wie ausgesetzt.

Zum Schluss saß ich mit meiner Betreuerin allein im Bus in Kalmar. Niemand war da, um mich abzuholen und ich hatte große Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Nach längerer Zeit kam eine uralte Dame am Stock, die Betreuerin sagte, das wäre meine Pflegemutter. Oh Schreck, ich saß wie gelähmt und rührte mich nicht. Die alte Frau sprach schwedisch, ich verstand kein Wort. Man erklärte mir, meine Pflegemutter wohnt in einer alten Burg auf der Insel Öland mit vielen Katzen. Ich hielt sie für eine Hexe, geriet in Panik, kroch unter den Sitz und hielt mich mit aller Kraft an den Sitzbeinen fest. Erst als man mir versprach, dass die "Hexe"Verwandte in der Stadt hatte und wir erst mit der Betreuerin dorthin gehen würden ließ ich los und trottete mit.

Wir kamen bei einer Familie mit zwei Kindern, etwa in meinem Alter an, ich wurde feindselig gemustert, so kam es mir jedenfalls vor. Ich musste dringend auf die Toilette, verriegelte die Tür und beschloss, drin zu bleiben, bis die alte Frau gegangen war. Es wurde laut an die Tür geklopft, immer wieder, aber ich reagierte nicht. Irgendwann kam meine Betreuerin, um mir mitzuteilen, dass die alte Dame schimpfend gegangen ist.

Endlich öffnete ich, hundemüde, ängstlich und verheult, ich bekam einen Platz auf dem Sofa, fühlte mich gottverlassen und schlief wohl sofort ein. Im Grunde wurde ich nicht beachtet, solange ich alles mitmachte, was hier an Regeln üblich war. Nach etwa 3 Tagen fuhren wir aufs Land zu Verwandten, heute denke ich, sie wollten doch gar kein Pflegekind, ich war einfach dort gestrandet. Wir hielten an einem großen Bauernhof mit Feldern und Wiesen. Diese Leute hatten ein deutsches Pflegekind, Rudolf, 13 Jahre und er sprach meine Sprache.

Während die Erwachsenen aßen zeigte mir Rudolf den Hof, die Tiere, die Scheune, ich fühlte mich frei und lebendig und ich beschloss, mich solange zu verstecken, bis meine Menschen aus der Stadt abgefahren waren. Außer der fremden Sprache hatte ich von dem Land Schweden noch nichts wahrgenommen. Das sollte aber noch kommen. Es lagen noch fast 3 Monate vor mir. Auch dort blieb ich nur wenige Tage. Niemand in Berlin wusste, wo ich abgeblieben war und ich wusste nicht, an wen ich mich wenden konnte.


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