Religion und Kirche
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Feierabend-Mitglied
23.05.2021, 10:01 – geändert 23.05.2021, 11:19
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23.05.2021, 10:01 – geändert 23.05.2021, 11:19
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Wir sind evangelisch, sagte meine Mutter. Und so ging ich mit den Nachbarskindern sonntags in den Gottesdienst. Ich wurde sozusagen – da ich gerade mal sechs Jahre alt war – eher mitgegangen. Für Kinder kann es keine bessere Beschäftigung geben als Kirche, man lernt dort auf jeden Fall etwas Gutes fürs Leben. Der Heimweg war lang und langweilig. Und da wir durch Gartenanlagen spazierten, wurde geerntet. Wir rupften so ziemlich alles ab, was über den Zaun hing, egal, ob reif oder unreif. Zum Muttertag wurde auf jeden Fall der Flieder geplündert. Und da die Nachbarn zwölf Kinder hatten, brauchte die Mutter anschließend eine Waschwanne für die Blumenpräsente. Meine Blumen kamen noch hinzu. Ich konnte sie zu Hause nicht abgeben, denn mir war Diebstahl verboten.
Bei der Einschulung wurde für mich erkennbar, dass ich nicht getauft war. Macht ja nichts, am Religionsunterricht durfte ich trotzdem teilnehmen. Aber kann man ohne Taufe überhaupt beten? Ich stellte mir jedes Mal vor, dass in gefalteten Händen für getaufte Menschen etwas verborgen ist, das ich nicht sehen konnte. Krampfhaft habe ich den lieben Gott angefleht, mir doch zu zeigen, was die anderen eventuell sehen. Ich sah keinen Gott und auch sonst nichts.
Mit zwölf Jahren wurde ich zum Konfirmationsunterricht angemeldet – ohne Taufschein, der sollte nachgereicht werden. Jeden Montag sagte der Pastor: „Dein Taufschein fehlt noch.“ Und jede Woche antwortete ich: „Meine Mutter kommt nächste Woche vorbei.“ Auf keinen Fall wollte ich auf diesen Unterricht verzichten. Mein Schulfreund Friedel saß neben mir und unter dem Tisch hielten wir heimlich Händchen. Sonst nichts. Wir haben uns im Leben nie geküsst. Waren aber irgendwann – so etwa mit 15 Jahren – einmal sturzbetrunken, da wir bei Glatteis in einer Gaststätte Grog bestellt und auch getrunken hatten. Den Heimweg kann sich jeder vorstellen. Aber das nur nebenbei.
Unsere kleine Kirche bestand aus einer Holzbaracke mit Glockenturm. Der Pastor hing, gekleidet mit Talar, vor dem Gottesdienst selbst am Glockenseil. Der Küster spielte das Harmonium, eine Orgel hätte in das Kirchlein nicht reingepasst.
Der Konfirmationstermin rückte heran und jede Woche dasselbe. „Dein Taufschein fehlt noch.“ „Meine Mutter kommt vorbei.“ Meine Mutter war ganztags berufstätig. Wann hätte sie gehen sollen? Aber irgendwann war es dann so weit, der Pastor fiel vor Schreck vom Glockenseil und die Taufe wurde geplant. Sechs Wochen vor der Konfirmation standen meine Schwester, damals 10, und ich, 14, vor dem Taufbecken. Das Zeremoniell war einstudiert. Zuerst ich als die Ältere, dann sie. Ich war die Diszipliniertere, meine Schwester eher die Spontane. Also knallten wir über dem Taufbecken mit den Köpfen zusammen und kriegten einen Lachkrampf, der nicht aufhören wollte. Danach fehlt mir die Erinnerung, ein Taufschein wurde aber ausgestellt. Die Kirche war mit elf Personen besetzt und der Pastor befahl: „Wir singen jetzt die Strophe X aus dem Psalm Y.“ Das Harmonium spielte, alle summten vor sich hin, nur unsere Tante Elly sang in hohen quietschenden Tönen. Erneuter Lachkrampf bei den Täuflingen.
Seit diesem Tag habe ich nur selten eine Kirche betreten. Denn immer wenn der Satz kommt: „Wir singen jetzt ...“ oder „Lasset uns singen ….“, dann ist es bei mir mit der Andacht vorbei. Ich muss mich drehen und wenden, mir den Mund zuhalten und mir wird schlecht von einem Lachen, das nicht stattfinden darf. Ich musste Hochzeiten und Kindstaufen verlassen, um die Feierlichkeiten nicht zu stören. Und wenn ich versuchte, alle Gedanken an Tante Elly und die Konfirmation zu unterdrücken, drehte sich mit Sicherheit jemand aus dem Familien-Clan nach mir um und lächelte mir vielsagend zu.
Jetzt gehe ich nur noch in Kirchen, in denen gerade kein Gottesdienst stattfindet. Schaue ich aber auf die Liedertafel, dann muss ich raus.