Mondsüchtig
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Feierabend-Mitglied
Mittwoch 05.05.2021, 06:24
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1960 bin ich mit derJugendgruppe meiner Kirchengemeinde zum Ossiacher See gefahren. Ich freute mich riesig darauf, aus dieser damals noch grauen Großstadt Berlin herauszukommen. Schon die Reise mit einem Bus dorthin war aufregend. Wir bezogen eine Jugendherberge, sechs Mädchen in einem Zimmer. Wir verstanden uns wunderbar, waren alle etwas rebellisch und voller Humor und Abenteuerlust. Schon am ersten Abend machten wir in unserem Zimmer ein Ritual und nannten uns fortan “die Mickymausbande”. Wir unternahmen herrliche Wanderungen, Besichtigungen und Gottesdienste in Klöstern, die mich sehr beeindruckten. Gemeinsames Singen abends am Lagerfeuer, Wettspiele und Mutproben und viele Streiche. Manchmal rissen wir für einige Stunden aus, sehr zum Leidwesen der beiden strengen Gruppenleiterinnen, die miteinander in ständigem Streit waren.
Unser Zimmer lag in der dritten Etage, an einen Abhang gebaut mit einem herrlichen Blick auf den Ossiacher See. Manchmal wollte ich allein sein, zog mich in unseren Schlafraum zurück und guckte andächtig und lange auf diesen See, auf dem Boote fuhren und sich die Natur im Wasser spiegelte. Diese Bilder sind noch heute in mir. Eine Szene ist mir noch tief im Gedächtnis, weil ich auch in meinem späteren Leben damit einige Male konfrontiert wurde.
Es war Vollmond, wenn ich aus dem Fenster auf den See schaute und er durch die Spiegelung doppelt erschien, dann konnte ich alles Äußere ausblenden. Als alle schliefen muss ich aufgestanden sein, öffnete das Fenster und setzte mich auf das Fensterbrett mit den Beinen nach draußen. Ich kam erst zu mir als ich gepackt wurde, ins Zimmer auf dem Boden mit dem Hinterkopf aufschlug und einen heftigen Schmerz spürte. Alle waren in heller Aufregung. Ein Mädchen war aufgewacht, sah mich im offenen Fenster sitzen, schlich sich leise zu mir, packte mich und zog mich in den Raum. Sie konnte mich nicht halten und so schlug ich mit dem Hinterkopf auf den Boden. Ein Notarzt wurde gerufen, ich hatte eine Kopfplatzwunde und eine Gehirnerschütterung. Als man mich ins Krankenhaus bringen wollte, bekam ich Panik, schrie und schlug um mich und endlich durfte ich bleiben. So habe ich die letzten Tage allein im Zimmer in meinem Bett verbracht, ganz zahm war ich geworden und dankbar für jeden aus der Gruppe, der mich besuchte. Tagsüber blieb abwechselnd ein Mädchen bei mir, die anderen waren unterwegs. Abends kamen sie in mein Zimmer und sangen für mich, zwar ohne Lagerfeuer, aber mit offenem Herzen.
Später einmal, da war ich schon erwachsen, verließ ich bei Vollmond die Wohnung und fand mich auf einer Parkbank wieder. Ein fremder Mann schüttelte mich an der Schulter, ich rannte, wie um meine Leben und versuchte, auf einer Straße erst einmal, mich zu orientieren. Seitdem stehe ich oft eine kurze Zeit am Fenster, fühle mich mit dem ganzen Kosmos verbunden und genieße die Stille. Dann jedoch schließe ich das Fenster schließe die Vorhänge und habe immer eine unruhige Nacht.