Missglückter Versuch
Von
Feierabend-Mitglied
Dienstag 04.01.2022, 18:39
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Heute Vormittag rief ich eine Bekannte an, mit der ich schon längere Zeit nicht mehr gesprochen habe. Ich tat mich etwas schwer damit, da Ingrid zu den Menschen gehört, die sich immer beklagen, nur das Negative sehen und ich selbst mich derzeit ein wenig schützen muss. Ich dachte oft an sie, wusste, sie sitzt im Rollstuhl, hat wöchentlich eine Haushaltshilfe, aber wenig Kontakt, da sie alle Bekannten mit ihren negativen Gedanken vergrault hatte.
“Hallo Ingrid, hier ist Brigitte, ich wollte wissen, wie es die geht? Wie hast du Weihnachten und den Jahreswechsel verbracht?" Schweigen… “Hallo Ingrid, bist du noch dran?” Ich hörte sie lachen und dachte schon, ich habe die falsche Nummer gewählt. “ Mir geht es wunderbar, ich hatte Besuch und Neujahr holte mich eine Bekannte ab und wir waren in einem Konzert.” Es freute mich riesig und ich fragte sie, was seit unserem letzten Telefonat geschehen ist.
“Ich muss es dir erzählen, du wirst es nicht glauben, aber mein Leben hat sich sehr verändert. Vor vier Monaten war ich so im Keller, wollte nicht mehr leben und überlegte tagelang, wie ich es zu Ende bringe." Ich hielt den Atem an und fragte: “Was hast du gemacht?” “ Hör zu! Ich ließ in meine Badewanne viel Wasser ein, legte den Föhn zurecht und dachte, ein Stromschlag geht schnell und übermorgen kommt meine Haushaltshilfe und findet mich. Ich hatte mit dem Leben abgeschlossen.” “Hast du es dir im letzten Moment anders überlegt?” “ Nein, ich zog mein bestes Kleid an, schminkte mich und quälte mich mühsam in die Wanne. Da lag ich nun, Wasser fast bis zum Hals, schön warm, ich stöpselte den Föhn ein, heulte über mein Elend und sagte noch: Mutter, ich komme. Dann ließ ich den laufenden Föhn in die Wanne fallen……" “ Und dann Ingrid, was geschah dann?" Es gab einen mächtigen Knall, dann war der Föhn aus und nichts geschah!"
Ingrid erzählte, zwischendurch kichernd, dass sie alles versucht hat, aus der Wanne herauszukommen, aber durch ihre Behinderung völlig unmöglich. Sie nickte erschöpft ein, wenn sie zu tief rutschte wurde sie wach. Sie rief laut, aber niemand hörte sie. Nun hatte sie viel Zeit, sie ließ immer wieder heißes Wasser nachlaufen und zum Trinken hatte sie ja genug. Noch 47 Stunden, dann kam die Haushaltshilfe, sie hatte ja Schlüssel. “Musstest du so lange in der Wanne bleiben?” fragte ich." Ja, aber ich dachte, es sollte wohl noch nicht sein! Mein altes Leben war zu Ende, aber nun hatte ich ein neues und das wollte ich ganz anders gestalten. Meine Fantasie half mir dabei, ich wusste gar nicht, dass ich so etwas habe. Seitdem hat sich alles verändert und ich mich auch. Ich nahm Kontakt mit alten Bekannten auf, organisierte mir einen Pflegedienst. Diese Frau ist sehr nett, sie geht mit mir einkaufen, oft gehen wir anschließend Kaffee trinken, Bücher hole ich mir aus der Bücherei und ich schreibe gerade meine Lebensgeschichte auf. Es ist ein ganz neues Lebensgefühl.”
Nächste Woche gehe ich mit Ingrid Kaffee trinken und wir werden sicher lange klönen.