Mein Ursprung des Versemachens
Von
Feierabend-Mitglied
Donnerstag 10.06.2021, 08:10
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
Feierabend-Mitglied
Donnerstag 10.06.2021, 08:10
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Als Kinder lebten wir sehr beengt, 11 Personen in 1.5 Zimmern, Küche, Außenklo und parterre. Wir aßen immer gemeinsam Abendbrot, eng an einem großen Tisch. Dann war nur noch der Weg zur Küche und zum Klo frei.
Beim Essen mussten wir Kinder schweigen, während mein Vater seine "Lebensweisheiten" verbreitete und Mutter oft zur Küche lief, um evt. Nachschub, sofern vorhanden, zu holen, denn wir waren chronisch hungrig.
Dann gab es aber auch die besonderen Essenszusammenkünfte. Wenn Vater gute Laune hatte, und das geschah nicht oft, eröffnete er das Abendbrot mit einem Reim: " Ihr sollt bei diesem Abendessen die Brüder, Schwestern nicht vergessen, und weil die Eltern fleißig sind, ist Wurst und Fleisch für sie bestimmt." So begann immer das "Wortessen", Mutter hatte es so genannt.
Das war das Zauberwort und wir wussten, heute wird es ein fröhliches schmausen, das ganze Essen lief in Versform ab. Einer fing an, z.B.: "Gib mir mal die Butter, ein anderer sagte:" die hat grad die Mutter", oder :" heut wird reingehauen," ein anderer sagte: "aber langsam kauen". Mutter und Vater halfen, wenn wir nicht weiter kamen. Die Kleinen hörten zu und sprachen einen Quatsch dazwischen und alles lachte.
An solchen Abenden passierte viel, unsere Kreativität wurde herausgekitzelt, wir lernten viele neue Wörter, durch die Geschwisterkonkurenz versuchte jeder, sein Bestes zu geben und vorallem wurde soviel gelacht, dass wir weniger aßen und uns oft den Bauch vor Lachen hielten. Vater lachte auch, das kannten wir bei ihm nur, wenn er in seinem Element war, beim musizieren oder bei Literatur. Er erklärte immer, das Verse wie Musik sein müssen, sie brauchen eine harmonische Melodie. Vater war hochmusikalisch. Im Winter las er uns manchmal Gedichte oder Geschichten vor.
Dem Reimen und den Ideen waren keine Grenzen gesetzt, es durfte auch Nonsens sein und Logik war auch nicht nötig.
So gab es auch Reime wie z.B. " Der Nachbar, der sitzt auf dem Klo", der Vater sagte: "der muss gar nicht, der tut nur so," oder " die Oma läuft den Berg hinauf,"der nächste sagte:" der Hund der folgt im Dauerlauf. "
So bekamen wir ein Gefühl für Sprache und für Musik, speicherten ein großes Potential und erlebten solche seltenen "Wortessen" als unvergessliche Sternstunden, mussten aber auf das nächste Mal oft lange warten.
Einige sind mir immer im Kopf geblieben: " Die Erbse, die ich nicht gekaút", " die schrie beim Pupsen schrecklich laut." Oder: "Die Mutter sieht so müde aus, sie rennt den ganzen Tag durchs Haus." Oder:"Der Günter will nicht schlafen geh'n, dann schläft er heute mal im Steh'n."
Diese Gabe habe ich in mein Leben mitgenommen, habe sie oft mit meinen eigenen Kindern praktiziert, sie an meine Enkel weiter gegeben und selbst in der Kinderarbeit war dies ein lustvoller Bereich, der auch im Alltag manchmal ganz spontan gelebt wurde und zu herrlichen Situationskomiken führte.
Wir sollten das Lachen niemals vergessen, es ist gesund und hilft durch manche Krise.