Loslassen
Von
Feierabend-Mitglied
Dienstag 28.12.2021, 09:41
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
Feierabend-Mitglied
Dienstag 28.12.2021, 09:41
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Anfang Dezember rief ich in meinem Kindergarten an, um zu fragen, wann die Weihnachtsfeier mit den Kindern stattfindet. Auch wollte ich die neuen Termine zum Musizieren mit ihnen vereinbaren. Ich hatte mich auf den Weihnachtsmonat gefreut, weil in dieser Zeit die Musikstunden immer besonders schön waren mit Kerzen, Adventskranz, kleinen Geschichten und soviel Leuchten in den Augen. Es wurde ein langes Gespräch. Alice, die Leiterin erzählte, die Stimmung sei so schlecht im Haus, wie noch nie. Von 7 Kindern über 5 Jahre waren 6 Kinder geimpft und eines nicht, weil die Mutter Bedenken hatte. Den Kindern wurde von den Eltern gesagt, wenn sie sich nicht impfen lassen, dann könnten sie Oma, Opa und andere Bekannte nicht mehr treffen, weil sie sonst jemanden anstecken könnten und evt. Schuld am Tod von ihren Lieben sind. Außerdem wäre Singen gefährlich und die Kinder verweigerten sich sogar beim Morgenlied. Diese Erklärung führte zu einem sofortigen Einverständnis der Kinder. Das nicht geimpfte Kind wurde von den Anderen nicht nur im Spiel ausgeschlossen, es wollte auch beim Essen niemand mehr neben ihm sitzen. Mobbing im Kindergarten! Zusätzlich hatten die Eltern ein Schreiben verfasst, in dem sie darum baten, dass der alleinerziehenden Mutter der Platz gekündigt wird. Die Stimmung schlug auch bei den Erziehern um, sodass 2 voll ausgebildete Mitarbeiterinnen kündigten. Damit kann der Betrieb kaum aufrechterhalten werden und es müssen Hilfskräfte kurzfristig eingestellt werden. Ich war fassungslos. Auf die Frage von Alice, ob ich eventuell im Februar weitermachen könnte erbat ich mir einen Tag Bedenkzeit.
Ich hatte eine schlaflose Nacht und dachte, wieweit sind wir schon, dass Kindern Schuldgefühle eingeredet werden und ihnen eine Verantwortung aufgebürdet wird, die sie in jedem Fall in ihr Leben mitnehmen werden. Somit bekommt der Tod für Kinder ein ganz neues Gesicht. Und Singen, ein Ausdruck von Lebensfreude, Vitalität und Gemeinschaft wird als gefährlich eingestuft. Ich bin seit 13 Jahren in dieser Einrichtung und arbeite seit 60 Jahren mit Kindern, das übersteigt alles, was ich mir jemals hätte vorstellen können. Ich habe gekündigt, weil ich das nicht auffangen kann und weil für mich unter diesen Bedingungen keine gute Arbeit mehr möglich ist. Von meiner tiefen Traurigkeit will ich gar nicht reden und Loslassen, wenn etwas nicht mehr gut tut und ich es nicht ändern kann, das habe ich mühsam gelernt.
Es ist Weihnachten, wir reden vom Frieden, aber Krieg fängt im Kleinen an, wenn bereits kleine Kinder instrumentalisiert und als soziale Gemeinschaft gespalten werden. Die Kinder waren bereits in den letzten 2 Jahren die Verlierer in dieser Pandemie. Der Riss geht durch Familien, Freundschaften, die Gewalt nimmt zu. Der Mensch wird zum Feind des Menschen……quo vadis Menschheit?