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Fahrendes Volk

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 22.03.2022, 11:26

Wir waren bereits 1.200 km unterwegs – bei schönem Wetter und relativ freier Fahrt. Die Grenze zu Luxemburg war überquert und die restliche Strecke nach Haus hätte man in einer guten Stunde geschafft. Belegte Baguettes warteten noch auf den Verzehr, doch die Kühle der Akkus hatte sie zu zähen Gummistangen verwandelt. Nein, nach so einer Reise haben wir Besseres verdient.

In einer Stunde allerdings hätten die Gaststätten im Heimatland die Küchentür geschlossen. Und eine bekannte Luxemburger Fernsehköchin ließ uns auf gute Speisen im Durchreiseland hoffen. Wenn auch nicht bei ihr persönlich, so doch auf ähnlichem Niveau.

Also runter von der Autobahn und rein in idyllische Landschaften. Kleine Nester in der letzten Abendsonne, Ruhe, kein Mensch zu sehen, auch keine Gaststätte. Endlich das Schild einer Brauerei an einem etwas verfallenen Haus. Egal – wir lieben Abenteuer. Französisch? Wir nicht! Deutsch? Er nicht! Ein Jüngling am Stammtisch übersetzt. Essen? Hier? Nur Toast mit Schinken. In dieser trüben Atmosphäre? Ach nein. Wir verzichten. „Tja,“ sagt der Knabe „vielleicht beim Petry – zwei Häuser zurück auf der gegenüberliegenden Seite. Gute Speisen, aber teuer.“ Uns ist alles egal. Wir nehmen, was noch zu bekommen ist.

Drei Häuser fahren wir zurück und sehen Petry nicht. Doch dann ein kleines Hinweisschild zu einem Parkplatz. Die Autos lassen die Preisklasse des Restaurants vermuten. Aber wir haben keine Wahl mehr. Also nix wie aussteigen und das Haus besichtigen. Beim Rausklettern aus dem Kleinwagen rutscht meine Hose – Knopf ab. Ans Haarekämmen denke ich auch nicht mehr. Wir sehen aus wie zwei alte Leute, die eine Safari hinter sich haben und zu arm sind, sich überhaupt ein Essen leisten zu können. Die Hose halte ich mit einer Hand fest und klemme die Handtasche unter den angewinkelten Arm, damit es nicht auffällt. Wer geht zuerst. Normalerweise der Herr. Aber wer hat hier den größeren Mut, das größere Selbstbewusstsein. Keiner. Wir schieben uns gegenseitig durch die großen gläsernen Eingangstüren.

Die ausgetretenen Steinfliesen in diesem Gutshaus sind nicht nur alt, sondern auch edel. Die breite Treppe führt in schwarzes, inzwischen restauriertes Gebälk. Und wäre jetzt nicht ein Garçon mit langer Schürze aufgetaucht, hätten wir vermutlich den Rückwärtsgang eingelegt. Es geht nach oben. Ich halte meine Hose fest, das einzige, an dem ich mich festhalten kann. Die Unterhaltung zwischen dem Oberkellner und uns beschränkt sich mangels Sprachschwierigkeiten auf das Notwendigste. Einen Tisch für zwei Personen bitte. Eigentlich war ausgebucht, aber es fand sich noch ein winziges Plätzchen in diesem riesigen und edel ausgebauten Dachgeschoß einer früheren Scheune. Hier hatte ein Designer bewiesen, wie man aus einer Antike eine Moderne gestaltet.

Aperitif? Eau de vie s’il vous plait. Na gut, jedem, was er wünscht. Und für den Herrn ein Bier.

Die Speisekarte kommt, das Amuse gueule ebenfalls. Sehr fein. Beides. Es fällt uns nicht schwer, das Richtige zu wählen. Und welchen Wein, bitte? Keinen, wir bleiben bei Wasser und Bier.

Das Menü war so, wie der Preis es versprach. Hochklassig. Und es war schmerzhaft, auf den Wein wegen der Promillegrenze verzichten zu müssen. Wir mussten ja weiter. Leider hatten wir keine Geduld mehr zu einem Kaffee. Man isst in diesen Gourmet-Tempeln langsam und mit Genuss, und es ging bereits auf Mitternacht zu.

Le addition – die Rechnung bitte. Die langbeschürzte Bedienung verschwand und kam mit der Rechnung im ledergebundenen Etui zurück, das Lesegerät für die Kreditkarte gleich mit dabei. Schade, die Visa Gold lag im Auto in der Mittelkonsole. Sie wurde für die Mautstellen in Frankreich gebraucht. Und so muss nun Bargeld gezählt werden. Ob das hier noch jemand beherrscht?

„Au revoir. Vergessen Sie uns nicht. Wir jedenfalls erinnern uns gerne an Sie.“

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