Der fremde Tod
Von
Reineke1794
Mittwoch 12.01.2022, 09:36
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Reineke1794
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Der fremde Tod
Der Tod ist dem Menschen nicht fremd, weil er mit dem Leben zu tun hat, wenn es endet. Im Verlauf dieses Lebens lernt jeder Mensch ihn kennen, wenn Angehörige der Familie oder des Umfeldes versterben. Je unbekannter der Verstorbene ist, desto weniger betroffen ist man von ihm im wahrsten Sinne des Wortes. Der Tod ist um so verstörender, je näher der Verstorbene einem selbst stand und am schlimmsten, wenn er dann völlig überraschend eintritt.
Meine Geschichte bewegt sich außerhalb dieser Definition und hat somit auch etwas Tröstliches.
Seit einem guten Jahr bin ich Mitglied bei Feierabend, einer Einrichtung für Senioren über 60, einer Online-Gemeinschaft, die nach dem Motto „gemeinsam statt einsam“ sich regional und überregional organisiert, plant oder sich von Fall zu Fall gar trifft, unverbindlich kommuniziert, reist, wandert, besichtigt, sich Ratschläge gibt in Foren usw., um diese Institution ganz knapp zu beschreiben.
In meiner Region habe ich bisher an zwei Tagesausflügen innerhalb Deutschlands teilgenommen, die von einem Mitglied organisiert worden waren. Um die Persönlichkeitsrechte zu wahren, will ich weder Namen nennen, noch die Ziele dieser Reisen.
Bei beiden Reisen waren jeweils etwa 15 Mitglieder der Region beteiligt. Manche davon nur bei einer Reise, andere wiederum bei beiden. Die Fremde, von der ich berichten – und - die ich auch so nennen möchte, war beide Male dabei. Aufgefallen ist sie mir in den jeweiligen Gruppierungen wegen witziger Bemerkungen bei den Führungen, bei Tisch oder eben bei Wanderungen auf dem Weg zu einem Ziel vor Ort. Nicht vorlaut war sie, tat sich aber durch geistreiche oder lustige Bemerkungen oder Äußerungen hervor. Bei einem gemeinsamen Mittagessen saß sie zufällig mal neben mir, so dass sich auch ein kurzes Gespräch ergeben hat. Das war es aber auch schon.
Wäre sie bei einer zukünftigen Reise dabei, so würde ich sie sofort wiedererkennen, ergäbe sich vermutlich auch ein kurzes Gespräch, das auf diesen Umstand Bezug nähme. Hierzu wird es allerdings nie kommen, denn gut drei Monate nach dem letzten gemeinsamen Tagesausflug, habe ich zufällig auf der Startseite meiner Region gelesen, dass die Fremde verstorben sei. Diese Information hat mich sehr bewegt, weil ich anhand des beigefügten Fotos sie sofort erkannt habe und es einfach nicht fassen konnte. Lebensfroh, witzig, unbelastet, hatte sie dem Anschein nach noch vor einigen Wochen an einer Reise teilgenommen, deren Ziel sie offensichtlich interessiert hatte - und jetzt lese ich die Todesnachricht. Ich konnte es schlichtweg nicht glauben, konnte und wollte es nicht wahr haben. Diese, so sehr lebendige Fremde, der ich zufällig bei zwei Tagesausflügen begegnet war, sollte plötzlich tot sein?
Spontan schrieb ich einen kurzen Beitrag für „meine Region“ zum Tod der mir Fremden, um an sie zu erinnern. Völlig überraschend ergaben sich einige Reaktionen und unter anderem erhielt ich auch den Hinweis, dass sie keinerlei Angehörige mehr habe. Vor einigen Tagen wurde mir dann mitgeteilt, wann die Beerdigung stattfinde. Zu meinem großen Bedauern hatte ich an diesem Tag zu dieser Zeit einen unaufschiebbaren Termin.
Informiert wurde ich jetzt darüber, dass zu der Beerdigung 12 Personen erschienen seien und allein von Feierabend 8 Menschen, die um die Fremde trauerten. - Freude habe ich verspürt, als ich das erfahren habe, eine tröstliche Freude. Der „fremde Tod“ hatte von dem Bedrückenden nach meinem Empfinden verloren, denn da hatten Menschen an ihrem Grab gestanden, die mit ihr etwas verbinden konnten und seien es lediglich zufällige Begegnungen über Feierabend gewesen. Wie Mitglieder zu dieser Institution namens Feierabend auch immer stehen mögen, es ist meines Erachtens eine segensreiche Einrichtung, weil sich auch Mitmenschlichkeit in ihr verbirgt, wie sich hier gezeigt hat. Unauffällig vielleicht, doch sie ist vorhanden. Die Namen der 8 Menschen im Falle der verstorbenen „Fremden“ kenne ich nicht, es gibt sie aber hier und da und dort.
War das noch ein „fremder Tod“? Ich denke – nein.
Bewundernswert finde ich solche Mitglieder und eigentlich auch unglaublich diese Konstruktion namens Feierabend.