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Bonsai-bäumchen

Von Feierabend-Mitglied Mittwoch 08.09.2021, 09:15

Diese Parabel habe ich geschrieben, als ich im Berliner Frauenhaus gearbeitet habe und am Nachmittag an einem Bonsai-Geschäft vorbeikam.

Ich mag keine Bonsaibäume, weil ich dabei immer an Frauen denken muss, die zurechtgeschnitten werden. Manchmal denke ich, wie könnten wir Frauen leben, über welche Kreativität könnten wir verfügen, wie viel Mut, Kraft, Vertrauen und Zuversicht könnten wir haben, hätte man uns nicht jahrelang eingeschnürt, manipuliert, beschnitten. Man hat aus Bäumen, die dazu gemacht sind, in den Himmel zu wachsen, kleine niedliche Ziertöpfchen gemacht, an dem Mann sich freut. Viele Frauen sind zufrieden, sie haben sich an ihr Leben als stille Zierpflanze des Mannes gewöhnt, sie scheinen sogar verliebt in ihr verkrüppeltes Dasein, ohne noch zu spüren, wie reduziert sie leben. Aber viele wollen sich damit nicht abfinden, sie wollen nach draußen, sehnen sich nach dem Himmel, dem Wind, den Wolken, dem Regen, der Sonne.

Nur eine Zeitlang haben wir das künstliche Licht an Stelle der lebendigen Wärme akzeptiert, wir brauchten diese Zeit des passiven traurigen Träumens, um unsere Wurzeln zu kräftigen, um Selbstvertrauen und Sicherheit in uns wiederzufinden, um in uns zu erspüren, ob wir noch heil genug sind für unser ursprüngliches Sein. Und wir hatten kaum Vorbilder, konditioniert für unsere Rolle dem damaligen Frauenbild entsprechend.

Irgendwann haben wir aufgehört, für unsere Besitzer schön sein zu wollen und begannen, uns selbst zu leben. Bei unseren ersten neuen Blättern, die schöner und kräftiger waren, als unser Stamm sich kräftigte, da sagten unsere Herren: “Wie sie sich bemühen, die Pflänzchen, sie wollen noch hübscher für uns werden”, sie waren so selbstgefällig, dass sie nicht merkten, wie mürrisch wir dabei waren. Aber langsam und mit immer mehr Freude spürten wir, wie Leben in uns zurückkehrte. Und als sie es endlich begriffen, die Herren, da hatten wir unseren Topf gesprengt und es waren uns wehrhafte Dornen gewachsen. Wir mühten uns in einsamen Nächten, an unseren Ursprungsort zurückzukehren, wir kämpften mit Selbstzweifeln. Doch ahnten wir noch immer, wie schön es dort war. Wenn es uns gelungen ist, den Ort in uns wiederzufinden, dann sind wir voller Leben, kraftvoll und erblühen zu einer ganz individuellen Schönheit.

Viele Männer haben begriffen, denn auch sie haben nur ihre eigene Prägung gelebt. Sie hatten Vorbilder, die vom Mannsein profitierten, sie mussten einige Privilegien aufgeben. Aber sie lernten, begriffen und ließen es zu, dass wir wuchsen, kämpften, uns ausbreiteten und konnten uns in Augenhöhe begegnen. So lernten wir, erst einmal jede/jeder für sich selbst, oft schmerzhaft, dass wir uns in unser Unterschiedlichkeit ergänzen, bereichern und voneinander lernen. Alles Ding braucht seine Zeit, mit Verständnis Liebe, Geduld und Gespräch werden wir es zu unser aller Wohl schaffen. Und das Wichtigste, wir sollten das an unsere Kinder weitergeben!

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