Abschied von einer Drossel
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Feierabend-Mitglied
25.07.2021, 08:51
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Vor einigen Tagen saß ich bei herrlichem Wetter auf meinem Balkon in leicht melancholischer, nachdenklichen Stimmung. Es war fast eine magische Stimmung., der Wind in den Bäumen flüsterte, ich konnte nicht verstehen, was er mir sagen wollte. Ab und an flog ein Vogel von Baum zu Baum und holte sich ein paar Körnchen aus dem immer gefüllten Futternapf. Ein wunderschöner Schmetterling besuchte mich und präsentierte sich in seiner ganzen Schönheit, während ich diese Aimosphäre in mich aufnahm..Es war eine Zeit des Innehaltens und ich gab mich diesem Gefühl hin. Vergänglichkeit, Ausruhen und Seelenmüll aus den letrzten Tagen loslassen.
Eine Drossel setzte sich auf den Rand des Futternapfes, etwa einen Meter von mir entfernt, legte das Köpfchen schräg und sah mich an. Es nahm kein Körnchen, plusterte sich etwas auf und blieb sitzen. Ich nahm leise auf der Mentalebene Kontakt auf und wusste in diesem Moment, sie war dabei, sich vom Leben und von mir zu verabschieden. Etwa eine Stunde saß sie regungslos da, sie flog auch nicht fort, als ich näher zu ihr ging. Und so setzte ich mich wieder und begleitete diese letzte Phase in einem stummen Gespräch.
Auch ich werde diesen Weg irgendwann gehen und möchte es auch so still annehmen, mir Zeit nehmen, mich vorzubereiten. Mein Leben ist in den letzten Jahren kleiner und stiller geworden, viel Äußeres trat in den Hintergrund. Das schuf Raum für einen Bereich in mir, der neue Gefühle, Erkenntnisse, tiefe Glücksgefühle und auch tiefe Traurigkeiten ans Licht brachte. Und immer wieder das Thema, Loslassen, frei werden, Ballast abwerfen und fühlen, dass es in mir eine Heimat gibt, die ich mit großer Sehnsucht entdecke und bewahren will. Äußere körperliche Beeinträchtigungen, abnehmende Vitalität und ein Ja sagen zu diesem Prozess waren mir dabei eine große Hilfe. Kein Erlebnishunger, keine Hektik und kein Aufbegehren hält diesen organischen, körperlichen und seelischen Weg auf. Ich bin ein kleiner Teil dieser Schöpfung, habe Spuren hinterlassen und kehre zurück, von wo ich gekommen bin. Diesen Frieden zu bewahren und in mein kleines Umfeld geben zu können, macht mich froh und mutig, diesen Weg nicht mehr zu verlassen.
Die Drossel sah mich an, stumm, wir verstanden einander. Ich erinnere mich nicht, mit einem Wesen je so tief verbunden gewesen zu sein und ich fühlte es mit angehaltenem Atem und einigen Tränen, die sich lösten. Es war ein Geschenk an mich, ein Gefühl von tiefer Dankbarkeit, sinnlich zu erleben, wie alles ineinander floss und sich harmonisch verband. Es klingt fast kitschig, aber warum begannen in diesem Moment die Kirchenglocken zu läuten?
Die Drossel plusterte sich ein wenig auf, zog ihr Köpfchen etwas tiefer ein, ich hielt den Atem an... Dann fiel sie tot von der Balkonbrüstung in den Garten. Auch für mich stand einen Augenblick das Leben still.