Abschied im Hospiz
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Feierabend-Mitglied
Samstag 26.03.2022, 13:46
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Meine liebste Freundin ist in Walsrode im Hospiz auf ihrem letzten Weg. Wir haben seit 6 Jahren einen liebevollen und intensiven Email-Kontakt, aber uns aus vielerlei Gründen nie persönlich gesehen. Da ich nicht Auto fahre, die Züge und Busse durch die vielen Flüchtlinge überfüllt sind,hatte ich überlegt, wie ich zu ihr kommen könnte. Ich gab.eine Anzeige in unserem Nachbarschaftsforum auf und fragte, ob eine Frau mich mit dem Auto nach Walsrode bringen kann, mich nach 3 Stunden wieder abholt und zurück bringt nach Berlin. Eine sehr nette Frau rief mich an und war bereit, diese Fahrt mit mir zu machen. Ich war freudig aufgeregt, weil ich meine Seelenfreundin nun doch noch besuchen konnte. Habe den Abend zuvor noch einen C.Test gemacht, am Mittwoch früh um 8 Uhe holte sie mich vor der Tür ab, Die Fahrt bei Sonnenschein war sehr schön, der Kontakt zu Eveline war entspannt und sehr angenehm, sodass wir gleich zum DU übergingen. Mit zwei kurzen Pausen setzte sie mich um 12 Uhr vor dem Hospiz ab, und dann wurde ich zu Utes Zimmer gebracht.
Ich schloss die Tür hinter mir und blieb einen Moment stehen, eine Welle von Wärme und Freude durchflutete mich. Auf der Terrasse stand ein wunderschönes Vogelhaus, dass sie von ihrem Platz beobachten konnte. Ute saß in ihrem Sessel mit einer Fußstütze, den ihre Söhne ihr aus ihrem zu Hause mitgebracht hatten und strahlte mich an. Sie breitete ihre Arme aus, ich nahm sie in den Arm und sie weinte bitterlich und auch mir liefen dir Tränen. Worte waren nicht notwendig, die Verbindung war so vertraut und doch so unwirklich, sie nach 6 Jahren das erste Mal persönlich zu sehen, zu spüren, ihr über die weißen Haare zu streicheln und einfach bei ihr zu sein. So blieben wir eine ganze Weile verbunden, und das blieb auch so, weil ich fast die gesamte Zeit ihre Hände in meinen hielt. Ich habe schon viele Menschen im Arm gehalten, Kinder, Freundinnen, Menschen im Hospiz, aber es fühlt sich ganz anders an, wenn man mit einem Menschen über viele Emails verbunden ist und eine tiefe seelische Verbindung spürt. Während meiner Krebserkrankung vor 5 Jahren war sie mir eine große Stütze, Hilfe, Trost und machte mir täglich Mut. Ich kann es nicht in Worte fassen. geworden.
Ute sah so erschreckend müde und elend aus, aber sie begann, zu erzählen, ich musste laut und deutlich sprechen, weil sie fast taub ist. Wir kamen so vertraut ins Gespräch, vieles wussten wir durch unsere Emails, und doch war einiges für uns Beide ganz neu. Ihr Gesicht veränderte sich, das Strahlen in ihren Augen berührte mich tief und immer wieder zuckte sie schmerzgeplagt zusammen. Ich empfand eine große Zärtlichkeit für sie. Ute erzählte, dass ihr das Abnehmen ihrer geistigen Fähigkeiten große Ängste macht und es durch das Morphium kommt. Nun wird sie es etwas geringer dosieren lassen, um geistig wach zu bleiben, aber um welchen Preis? Sie konnte immer gut loslassen, aber das letzte Loslassen fällt ihr sooo schwer. Angst vor dem Sterben hat sie nicht, aber das Leiden ist so schlimm und macht einsam.
Meine Fahrerin, rief um 14:30 Uhr auf dem Handy an und sagte, ich soll mir Zeit lassen. Sie geht bei diesem schönen Wetter spazieren, wenn ich gehen möchte, kann ich sie anrufen und sie holt mich ab, auch wenn es bis 17 Uhr dauert. Um 16:30 Uhr rief Ute die Schwester, sie musste aufs Klo und brauchte Hilfe. So war die Trennung nicht so quälend. Kurze liebevolle Umarmung, sie war erst einmal beschäftigt und ich ging zum Auto. Dort hab ich meinen Tränen freien Lauf gelassen. Eveline hat geschwiegen und ihre Hand auf meine gelegt, ihre Empathie hat mir so gut getan. Eine ruhige friedliche Rückfahrt nach Berlin, um 21 Uhr war ich völlig erschöpft und glücklich zu Hause. Wie dankbar bin ich, dass dieser Besuch bei Ute noch möglich war und sie bald friedlich gehen darf. Ich bin so dankbar für uns Beide, dass wir ein so inniges Treffen noch haben konnten.. Jeder, der mich ein bisschen kennt weiß, dass es für mich keine Zufälle gibt.