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1955 - 3 Monate Kinderverschickung Schweden Ende

Von Feierabend-Mitglied Freitag 17.08.2018, 17:36

In Berlin angekommen stand meine Mutter mit meinen Brüdern am Bus, Vater musste ja in unserem Tante-Emma-Laden bleiben. Mutter weinte, erkannte mich kaum in dem bunten Kleid und der Dauerwelle, frisch und braun gebrannt. Zu Hause überfiel mich die Enge wie eine dunkle Wolke, die mich einschloss.
Schnell ging der Alltag los. Mutter war so erschöpft, ich wurde dringend gebraucht für den Haushalt. Meine Brüder halfen im Laden und Mutter und ich versorgten den Haushalt, das war damals streng getrennt.
In der Schule wurde ich beneidet wegen meiner farbenfrohen neuen Kleidung, In Berlin war die Sachen alle noch grau und aus alten Stücken genäht. Es gab große Schwierigkeiten in Englisch, dass ich ja erst 3 Monate vor meiner Reise zu lernen begonnen hatte, brachte alles durcheinander und antwortete oft auf Schwedisch. Die Wiedereingewöhnung dauerte sehr lange und brachte viele familiäre und andere Probleme mit sich. Ich hatte gelernt, mich zu wehren, musste aber auf meinen Platz zurück.
Der Briefwechsel ging hin und her und nach 2 Jahren meldeten sich meine Pflegeeltern zum Besuch an. Emil gab es nicht mehr, er war überfahren worden. Mein Vater schämte sich wohl unserer Armut, machte Schulden und lud die beiden in ein teures Hotel zum Essen ein. Er mietete ein Auto, lieh sich einen Anzug, stattete uns mit guter Kleidung aus und spielte den reichen Mann. Die Wiedersehensfreude war groß, aber meine Pflegeltern fühlten sich wohl betrogen, waren sehr zurückhaltend. Ich war erschüttert, was mein Vater ihnen erzählte, fast alles war gelogen. Annelie und Eric haben sich nicht mehr gemeldet. Ein Jahr später kam ein kurzer Gruß. Sie teilten mir die Geburt ihres Sohnes mit und dass sie nach meiner Abreise nicht mehr ohne Kind leben wollten. 2 Fotos lagen dabei, eins von Emil und das andere von ihrem kleinen Sohn. Die Bilder habe ich noch heute kann sie aber nicht einsetzen, bin technisch völlig unbegabt.
Vor 8 Jahren machte ich 2 Wochen Urlaub auf der Insel Öland und ging den Spuren meiner Zeit dort nach.
Es gab noch die Straße, aber nicht mehr das Haus. Über viele Umwege habe ich den Sohn gefunden und mich mit ihm getroffen. Annelie war vor 20 Jahren gestorben und auch Eric war tot.
Es war die schönste Zeit meiner Kindheit und vieles versteht man erst später.

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