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Zauber einer Wanderung

Von tastifix Dienstag 08.06.2021, 21:55 – geändert Freitag 11.06.2021, 04:58

Beim Anblick des azurblauen, fast wolkenlosen Himmels und des strahlenden Sonnenscheines hält mich nichts mehr im Haus. Ich werde wandern!

Bis zum Naturschutzgebiet sind es nur zehn Minuten, zehn Minuten, um den hektischen Alltag mehr und mehr zu vergessen und in eine wahre Märchenwelt einzutreten. Stattliche Bäume mit gelb- und rot gefärbten Laubkronen säumen den Weg. Zwischen ihnen wachsen hohe Wildkräuter mit riesigen lila, rosa und weißen Blüten, unter denen sich Butter- und Gänseblumen der Sonne entgegen strecken. Das Samtgrün der Brennnesseln beidseitig lässt die kräftig leuchtenden Farben der Blumen und Kräuter noch mehr zur Geltung kommen. Im Hintergrund erstrecken sich ausgedehnte Felder und Äcker.

Nach einer Weile jedoch wandelt sich das Bild. Fast fühle ich mich in einen Urwald versetzt. Die schmalen Lücken zwischen Bäumen, Büschen und knorrigem Unterholz geben die Sicht frei auf kleine verwunschene Seen mit winzigen Steininseln, wahre Paradiese für viele Tierarten. Bewusst verhalte ich mich mucksmäuschenstill und beobachte forschend die wilde Natur. Von ferne zwitschern Vögel ihr Lied, ab und an vernehme ich das Krächzen einer Krähe.
Da, plötzlich stutze ich: Ein Geräusch wie von einem Hammer, durchdringend und langanhaltend, hallt durch den Wald. Es ist bestimmt ein Specht, der irgendwo in der Nähe arbeitet. Leider hält er sich vor meinem Blick verborgen.

Langsam bummele ich weiter. Mini-See reiht sich an Mini-See. Das Wasser glitzert silbern im leichten Wellenschlag, verursacht von den zuströmenden Bächen, die die Seen speisen. Hinter einer weiteren Wegbiegung bleibe ich fasziniert stehen. Rechts liegt ein etwas größerer See, den im Boden verankerte und weit ins Wasser ragende Äste in kleine Zimmer zu unterteilen scheinen. Jene nutzt eine Schwanenfamilie als gutes Versteck, wenn zuviele Menschen des Weges ziehen. Es ist wunderbar, die stolzen Vögel zu betrachten, die im strahlenden Sonnenlicht auf dem leicht bewegten Nass schaukeln.

Für mich bedeutet es ein ganz besonderes Wiedersehen. Vor mehreren Monaten, als die Jungen noch im gräulichen Babykleid einher watschelten, hatte ich sie gezählt. Kein Wunder, dass das Schwanenpaar so sehr stolz die Hälse reckte. Es waren sieben Kleine. Bestens erzogen reagierten sie auf jedes Kommando und auf jede noch so geringe Bewegung ihrer Eltern. Meistens hielten sie sich damals noch eng bei der Mama. Der Papa schob derweil Wache, damit bloß keiner dem Nachwuchs zu nahe kam. Es wagte auch niemand, denn dann wurde er sehr ungehalten und manchmal gar aggressiv.

Heute also treffe ich die Winzlinge von damals als strahlend weiße Jungschwäne an. Immer noch schwimmen sie eng beieinander. Aber gleich den Eltern präsentieren sie sich, sich nun ihrer Schönheit bewusst, bereits in königlicher Haltung. Den Kopf mit einer anmutigen Bewegung zu mir gedreht, mustern sie mich neugierig.
´Ein eigenartiger Schwan!`, mögen sie denken.
Ich sehe ihnen noch eine Zeitlang zu und genieße den charmanten Anblick. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht nehme ich dann Abschied und wandere weiter. Bald lichtet sich der Märchenwald. Ich überquere eine Straße und marschiere inmitten der sattgrünen, leicht hügeligen Rheinwiesen mit ihrem vereinzelten Baumbestand und den Weiden vorbei, auf denen kleine Gruppen von Kühen und Pferden grasen, zum Fluss. Schade! Wegen des herrlichen Wetters bin ich hier nicht mehr allein, im Gegenteil. Ein Wagen Erholungssuchender nach dem anderen, die Fahrräder sind kaum mehr zu zählen.

Aber am Ufer des Rheinufer angekommen, beobachte ich, dass sich die Menschen auf die vielen Wanderwegen längs des Flusses verteilen. Um mich her wird es wieder still. Heute, am Sonntag, sind nur wenige Schiffe unterwegs. Etwas Abwechslung bringt eine Entenschar, die munter in der Nähe vorbei paddelt. Ich laufe noch ein Weilchen am Fluss entlang. Auch hier finden sich anheimelnde Pfade. Dennoch es mit dem Märchenwald, der hinter mir zurück geblieben ist, nicht zu vergleichen.

Eine halbe Stunde später kehre ich deshalb um, marschiere im Bummeltempo zurück und komme erneut an den hübschen Pferden vorbei. Mit weit vorgestrecktem Kopf zupfen sie gerade die Grasbüschel jenseits des Zaunes ab.
´Schmeckt ja bestimmt besser als das Gras auf der eigenen Weide!`, grinse ich.
Kurz darauf erreiche ich die Kuhweiden. Schon von weitem erkenne ich eine Menschentraube, die sich nicht von der Stelle rührt.
"Wonach schauen die nur?", trete ich näher.
Noch ahne ich nicht, was mir beschert sein wird. Im ersten Moment entdecke ich nichts Ungewöhnliches. Ich sehe zwei erwachsene Kühe und zwei sehr junge Tiere. Was mir auffällt, ist, wie munter sie sind, so ganz anders, als ich es sonst von Kühen kenne. Auch wirken sie auf mich extrem gut gepflegt.

Da zupft mich ein kleines Mädchen am Arm:
"Guck mal, dort hinten!", deutet es mit dem Finger nach vorne.
Aufmerksam folge ich dem Hinweis und schweige berührt. In der hintersten Ecke der Weide steht unter einer weit ausladenden Baumkrone eine Kuh und streift immer wieder mit dem Maul durch das niedrige Gras. Ein winziger Kopf hebt sich ihr entgegen. Eine Minute später steht dort auf wackeligen Beinen ein Kälbchen, höchstens eine halbe Stunde alt. Es kämpft noch sehr damit, jene zu sortieren und kippt immer wieder seitlich ins Gras. Genauso oft stupst seine Mutter es sanft an:
"Komm, steh auf! Schaffst Du doch, musst es bloß ein paarmal versuchen!"
Zärtlich beschnuppert sie es und nimmt so den Geruch des Neugeborenen auf. Sie dreht sich im Kreis und schubst ihr Kleines so lange, bis es direkt unter ihrem Euter steht. Bereits nach wenigen Sekunden hat das Baby verstanden und nuckelt selig. Währenddessen nähert sich neugierig Tante/Schwester Kuh und beschnuppert ihrerseits das Baby. Damit ist es in die Gruppe aufgenommen.

Es ist ein solch rührendes Bild. Bewegt stehen wir Menschen davor. Die Eltern des kleinen Mädchens, das mich auf dieses Kälbchen aufmerksam gemacht hat, unterhalten sich:
"Ich hab Dir ja gesagt, lass uns eher los gehen. Dann hätten wir vielleicht sogar die Geburt sehen können."
Ein älteres Ehepaar nähert sich auf dem Fahrrad. Auch sie steigen ab und blicken entzückt zu dem Kälbchen. Wir kommen ins Gespräch:
"Mein Gott, wie süß!", sagt die Frau zu mir.
Ich muss es einfach los werden:
"Ja, wenn man das so sieht, Mutter und Kind auf dieser schönen Weide beieinander und dann daran denkt, wie wir sonst mit diesen Tieren umspringen ... Es ist entsetzlich!!"
"Da sagen Sie etwas Wahres!", erwidern beide wie aus einem Mund.

Mir steht noch ein langer Rückweg bevor. Aber derweil habe ich immer noch das Kälbchen und dessen Mutter vor Augen. Für mich ist es ein wunderbares Erlebnis gewesen, das ich so schnell nicht vergessen werde.

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