Wind und Wasser
Von
CeeBee
Freitag 05.11.2021, 13:14 – geändert Donnerstag 14.04.2022, 03:19
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CeeBee
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Ginge es nach der chinesischen Harmonielehre Feng Shui, ich wäre schon längst zu einem Zombie mutiert. Hätte blutunterlaufene Augen mit dicken, roten Adern um die Pupillen, eine fahle Haut, die sich wie alte Farbe vom Untergrund löst, noch schüttererereres Haar, wäre ständig fahrig und nervös wie ein überzüchtetes Rennpferd und mein Ruhepuls läge durchschnittlich bei etwa Zweihundert.
Wie das?
Weil Feng Shui es nicht zugelassen hätte, dass ich in meinem Schlafzimmer, so wie es momentan hergerichtet ist, jemals ein Auge hätte schließen können. Und das wären nun annähernd fünfundzwanzig Jahre ohne Schlaf gewesen! Wer daran nicht eingeht oder sich nicht zu einem Untoten wandelt, der hätte ohnehin niemals zu den Lebenden gerechnet werden dürfen.
Feng Shui sagt: "Willst Du in Harmonie leben, mit Dir und Deiner Welt, versöhne Dich mit den Geistern des Windes und des Wassers." Und genau das tat ich nicht. Nicht, weil ich nicht wollte, ich wusste schlichtweg nicht, ich Ahnungsloser, dass es sie gibt, diese Geister. Ich fühlte mich ja auch im Reinen mit mir und dem Leben, sodass es mich nach ihnen, den Geistwesen, nicht verlangte.
Origami, Wan Tan, Ikebana, Jing und Jang, Nasi Goreng, Banzai, Jiu Jitsu, Makramee, Tai Chi und welches Sammelsurium fernöstlicher Begriffe mir sonst noch im Kopf herum schwirrt, nichts durchdringe ich vollständig, gebe ich zu, und nichts davon ist mir nah. Asien liegt ach so fern, auf der anderen Seite des Erdballs.
Das Einzige, was mich bisher aus der Rubrik 'Die wundersame Welt der Asiaten' beeindruckt, ist die Akupunktur. Und anfangs war ich fraglos ein überzeugter Skeptiker gegenüber diesem Jahrmarktsklamauk. Weil es nicht sein konnte, dass eine kleine, dünne Nadel, in den linken, großen Zeh gepikst, am gegenüberliegenden Ende des Körpers ein nervöses Zucken des rechten Augenlides beseitigt.
Blanker Humbug, ganz eindeutig!
Doch als in meiner Umgebung mehr und mehr Wundergeschichten auftauchten von rosawangigen Kettenrauchern, glücklichen Migränegepeinigten oder wieder aufrecht gehenden Menschen, die vordem von Hexenschuss und Gram gebeugt waren, bin ich achtsam und vorsichtig geworden mit meinen dahergelaufenen Vorurteilen. Denn all jene Wandlungen waren das gute Werk der kleinen, feinen Nadeln, das Werk des scheinbar Unmöglichen. Bewiesen und beeidigt!
Und was ist mit Feng Shui?
Mit der Annäherung an die Geister von Wind und Wasser begibt man sich unzweifelhaft in die Welt des Jenseitigen. Für mich ist das generell ein schwieriges Thema. Denn lange habe ich der Erzählung geglaubt, wenngleich sehr zwiegespalten, dort, auf der Rückseite des Mondes lebe ein blaues Pferd, das wöchentlich die Lottozahlen vorherwiehert.
Nun wächst auf dem Mond nichts Fressbares für so ein Pferd, um es am Leben zu erhalten. Daher schickt seit Jahren und seit geraumer Zeit nun auch auf meinen Wunsch hin, jemand von AstroTV wöchentlich ein Fuder Stroh nach oben ... gegen ein geringfügiges Entgelt. Jedenfalls, war das seinerzeit so vereinbart.
Als mein Freundeskreis davon erfuhr, dass es mir ernst ist und ich einen Dauerauftrag zur Zahlung dieses Pferdefutters bei meiner Bank eingerichtet hatte, war man sehr amüsiert und scholt mich einen Dummkopf. Auch mein Hinweis, dass man Solches nicht einfach hämisch abtun könne, weil es tatsächlich Dinge gibt, die jenseits der menschlichen Wahrnehmung sowie der alltäglichen Erfahrung im Verborgenen bleiben und sich unserem unmittelbaren Zugriff entzögen, bekehrte die Freunde nicht und sie scholten mich daraufhin einen noch viel größeren Dummkopf ... weil Pferde nicht Stroh fressen, sondern in erster Linie Heu oder auch Hafer, diesen gerne als Nachtisch.
Und so ließ sich auch erklären, dass die spirituelle Verbindung zu dem Vorhersage-Pferd, vielleicht durch Probleme in seinem Darmkanal, gestört war und die übermittelten Lottozahlen, die ich Woche für Woche angekreuzt hatte, allesamt nichts taugten. Natürlich war damit das Futtergeld, weil fehl investiert und zu nichts Anderem als zu runden Pferdeäpfeln verdaut, letztlich futsch.
Trotz dieser herben Enttäuschung im Hinterkopf, befasse ich mich nun seit Kurzem intensiv mit Feng Shui, weil ich - gegen ein geringfügiges Entgelt – mittels Fernstudium entsprechend aufgeklärt wurde.
Es hieß, mein Schlafzimmer sei völlig unbewohnbar, einfach unbeschlafbar, wegen der diversen Schranknischen und Mauervorsprünge. Es sei überhaupt der eckigste Raum im Haus. Und das einzig Runde an dem Ort, als Gegengewicht zu den unzählbaren Ecken und Kanten völlig unzureichend, sei die Glühbirne in meiner Nachttischlampe. Und nirgendwo hängen, um Himmels willen, und wenn es nur dieser eine ist, mehr Spiegel an den Wänden als ausgerechnet in meinem Schlafgemach. Das Bett stehe mitten drin, mit direkter Blickrichtung zur Tür. Die guten Geister kämen in bester Absicht zur Tür herein und flüchteten geradewegs gleich wieder zum Fenster hinaus, So könne sich beim besten Willen kein harmonisches, entspanntes Befinden einstellen. Ach ja, und direkt neben dem Bett gäbe es auch noch einen den Raum mit Elektrosmog verpestenden Radiowecker, ebenfalls eckig.
Und die Farben ... ach du liebe Zeit, ohne Kommentar!
Jeder, dem Feng Shui etwas bedeutet, weiß, wie nun auch ich, dass es sich hier ganz eindeutig um einen sehr, sehr schlimmen Fall handelt. Ich bedürfe einer längeren Betreuung, sagte man mir, mit einer fundamentalen Neuorientierung in Sachen Lebensauffassung und deren allumfassenden Harmonisierung. Ich solle mich am besten sofort, gegen ein geringfügiges Entgelt, zu einem Seminar anmelden, das ganz speziell auf meine Bedürfnisse abgestimmt sei. Und außerdem scheine hier in meiner Wohnung ein Problem ernstzunehmender Erdstrahlung vorzuliegen, die man mit entsprechend präparierten Matratzen, Laken, Oberbetten und Kopfkissen, aber wichtiger noch, mit einem strahlensicheren Bettgestell abwehren könne. Und es wäre überhaupt nicht verwunderlich, sollte nicht zudem, tief unten im Erdreich eine schädliche Wasserader mein Schlafzimmer kreuzen. Ob ich nicht Interesse hätte, einen Wünschelrutengänger zu beauftragen, der gegen ein geringfügiges Entgelt ...
Nach einer längeren Rücksprache mit AstroTV wird man jetzt Heu statt Stroh und auch jedes zweite Mal Hafer mit hinauf zum Mond schicken. Dann werde, laut Zusage, der telepathische Kontakt zu dem Pferd künftig weitaus erfolgreicher sein und der Sechser beim Samstagslotto bestimmt nicht lange auf sich warten lassen. Allerdings müsse der Betrag des Dauerauftrages geringfügig angehoben werden.
Das ist mir aber egal, ich setze jetzt voll auf den blauen Gaul, denn ich weiß langsam nicht mehr, wie ich all die anfallenden Geringfügigkeiten noch bezahlen soll .... und das Ganze nur, weil ich manchmal bei Vollmond nicht richtig einschlafen kann ...