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Wiederkehrende Lebensfreude

Von tastifix Mittwoch 02.03.2022, 15:44 – geändert Mittwoch 02.03.2022, 19:07

Der junge Mann, vielleicht um die 30 Jahre alt, schlurfte gebeugt durch die Stadt, die Stadt, in der er aufgewachsen war und die er nun nach vielen Monaten erst wiedersah. Einst ein Mensch, dem man den Spaß am Sein deutlich ansah, der mit seinem Humor so oft Andere amüsant zu unterhalten verstanden hatte, stapfte nun seelisch gebrochen umher. Zu sehr hatte der Krieg gewütet, ihm wie den Meisten den Stempel der Verzweiflung und Hilflosigkeit aufgedrückt. Er war an der Front gezwungen gewesen, auf Menschen zu schießen, ihm gänzlich Fremde, die vom Regenten des Landes willkürlich zu Feinden erklärt worden waren.

Während er über heruntergestürzte Mauerreste kletterte, streifte sein zögerlicher Blick die ehemals so prachtvollen Fassaden. Er sah auf halbe Dächer, auf Wohnungen ohne Türen, zu gruseligen Ruinen verurteilte Bauwerke, die ihn vorwurfsvoll aus den leeren Fensteröffnungen anzustarren schienen. Doch weitaus gespenstischer wirkten die die zum Teil zerfetzten Körper der Ermordeten. Einige von ihnen waren kaum mehr als Menschen zu erkennen.

Dem Mann in seiner durchlöcherten verdreckten, von Kämpfen zeugenden Uniform grauste es. Er vermocht die Tränen nicht mehr zurückzuhalten und ließ ihnen freien Lauf. Es gab ja niemanden, der es gesehen hätte.Vielleicht war er sogar der einzige Sohn dieser Stadt, der zurückkehrte. Frustriert setzte er seinen Weg über das Geröll fort.
`Warum nur, warum all das Leid unschuldiger Menschen?“
Eine Antwort bekam er nicht. Aufseufzend wischte er sich über die Augen. Die anstrengende Wanderung forderte ihren Tribut. Ermattet setzte er sich auf einen Balken, wühlte in seinem Rucksack nach Essbarem, fand tatsächlich eine kleine Dose mit Brot und dazu Wasser aus seiner Feldflasche.
Suchend spähte er herum, ob es eventuell noch jemanden gab, der ebenfalls der Einsamkeit zu entfliehen können hoffte. Vergebens, er würde sich wohl allein durchschlagen müssen.

Der Mann schlich weiter und das Gefühl der Vergeblichkeit beherrschte ihn immer stärker.
´Wenn ich aufgeben würde, hätte ich es sehr schnell hinter mir. Dann wäre alles vorbei!!`
Doch irgendetwas hielt ihn vor diesem letzten Schritt zurück. War es die Erkenntnis, es bis hierher geschafft zu haben, nicht mehr in der Fremde, sondern daheim zu sein? Obwohl dieses Zuhause doch so gar keine Ähnlichkeit mehr mit dem aufwies, das in seiner Erinnerung lebte??

Er betrat eine der Gassen, die etwas abseits führte. Dort standen noch einige Gebäude, auch kleine Läden, die Türen weit offen oder auch aus den Angeln gehoben. Ungehindert betrat er einen und entdeckte auf den Regalen noch ein paar Dosen mit Lebensmitteln.
´Es gibt bestimmt noch mehr Läden. Ich muss nicht verhungern!`
Unwillkürlich regte sich Lebenswille in ihm. Nachdem er sich gestärkt hatte, verließ er jenes kleine Nahrungsparadies wieder.

Das Grauen draußen war das selbe geblieben, dessen Anblick nach wie vor genauso entsetzlich. Aber der Wille, es anzugehen und zu überleben, erwies sich nun als so stark, dass es ihn nicht mehr fertigmachte. Ja, Optimismus erfasste ihn. Als er schließlich die an den Stadtrand führende Gasse entlang marschiert war, bot sich ihm der zuversichtlich stimmende Blick auf ein weites Feld.
"Es ist zwar verwüstet, aber nicht verloren!"
Zufällig schaute er zu Boden und entdeckte eine winzige Pflanze, die sich wie eingeklemmt zwischen Steinen tapfer behauptete.
„So wie Du werde auch ich mich behaupten! Ich werde selber ein Feld bestellen und mir eine Bleibe bauen: Und irgendwann werde ich einen Kameraden finden und damit die Einsamkeit ein Ende haben!“

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