Warum nur, warum...
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Feierabend-Mitglied
Montag 31.05.2021, 08:09
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Warum bist Du aus dem Dorf und aus der Großfamilie weg und hast in Paris so geschuftet? Das hat ich mein Sohn gefragt, für den ich meine Geschichte aufgeschrieben hatte. Er war sorglos und behütet aufgewachsen. Sein Abitur gemacht und ist Jurist geworden und es war immer alles, was er brauchte da. Er brauchte kein Bafög und keine Arbeit um studieren zu können. Er war von meiner Lebenssituation in jungen Jahren so unendlich weit entfernt, daß er sich diese nicht einmal hätte vorstellen können, wenn ich sie ihm nicht aufgeschrieben hätte. Darum also: Warum nur, warum...
Ja warum? Mein verdammter Ehrgeiz. Ich wollte mit aller Kraft und um jeden Preis “etwas werden.“ Raus aus dem Milieu der Armut, der geflickten und dreimal aufgetragenen Kleidung. Der Lügen und Ausreden, wenn man nicht mitfahren konnte wenn die Klasse zum Niederwalddenkmal an den Rhein fuhr. Mama gab mir eine Entschuldigung mit, ich hätte mal wieder Mittelohrentzündung. Der Lehrer hob sie mit spitzen Fingern hoch und sagte "soso Mittelohrentzündung hast du, die sitzt aber tiefer, wohl im Geldbeutel", hahaha.
Mein Vater war Stahlarbeiter, meine Mama Hausfrau, und ich war der älteste von sieben Kindern, fünf Jungs und zwei Mädchen. Wir waren eine schöne Familie und hatten eine liebevolle Kindheit. Aber ein Arbeiterverdienst und neun Personen am Tisch, das ist hart. Armut kann man riechen.
Wir hätten ohne unsere kleine Landwirtschaft nicht überlebt. Zwei Ziegen, zwei Kühe, zwei Schweine und die Hühner. Dazu einen großen Bauergarten. Und wir Kinder halfen alle mit so gut wir konnten. Seit ich zur Kommunion war, mit 10 Jahren, habe ich jeden Morgen vor der Schule den Stall ausgemistet und das Vieh gefüttert. Jeden Morgen. Ein Jahr später hat mir mein ein Jahr jüngerer Bruder geholfen, zu zweit war alles leichter.
Wenn man im Stall arbeitet, kann man sich waschen so gut man will, man riecht nach Stall und Ziege. Unser Superpädagoge stellte mich unter dem Gejohle der Klasse grinsend ans offene Fenster „zum Auslüften!“ Ich kann gar nicht beschreiben wie sehr ich mich geschämt habe.
Das hat mich hart gemacht und geprägt für mein ganzes späteres Leben. Etwa zu dem Zeitpunkt hatte ich mir vorgenommen: Denen wird ich es zeigen, allen! Die werden über mich nie mehr lachen. Mir war sehr früh bewusst, du musst da weg. Den eigenen Weg finden, egal wie hart der sein mag. Darum bin ich gegangen. ich hatte zwar keine klare Zukunftsvorstellung aber ich wusste, dass Bildung und eine gute Schule und ein Studium der Schlüssel zu allem war, was ich für mich erträumte. Und dem habe ich alles untergeordnet.
Noch viele Jahre später, als ich schon den Betrieb hatte und immer noch rastlos schuftete, war es meine Frau und der erste Herzinfarkt, die mich zur Vernunft brachten. Wem willst denn noch was beweisen hat sie mich gefragt. Gib endlich Ruhe. Die Autos, das Haus, der Betrieb, dieser ganze Krempel ist dabei, dich umzubringen.
Heute weiß ich, dass sie Recht hatte und die Klügere von uns beiden war. Damals ist es mir noch schwer gefallen, mich auch mal mit 90 % zufrieden zu geben.
Als mein Jahrgang 40 Jahre alt wurde, hat eines der Mädchen ein Klassentreffen arrangiert. Da hat sich niemand mehr daran erinnert, was für eine Horrorzeit das für mich war und ich hab die Zeit heimlich still und leise begraben. Alles, was ich mir noch auf der Fahrt vorgenommen hatte zu sagen hab ich runtergeschluckt und es ein für allemal gut sein lassen.