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Wahrlich sehr sensibel: Narkose mal anders ...

Von tastifix Freitag 14.05.2021, 08:59 – geändert Freitag 14.05.2021, 09:27

Mich erwartete eine schwere Operation. Ich war total lahmgelegt, konnte mich weder rühren und schon gar nicht gegen den sofortigen Abtransport ins nächste Krankenhaus wehren. Das Bein schmerzte grauenhaft, aber als noch viel furchtbarer empfand ich die Seelenpein, die mich quälte und wenige Minuten später in Panik ausarten sollte. Letzteres ahnte ich zum Glück nicht und riskierte, um irgendwie die Angst zu überspielen, während der Fahrt eine kecke Lippe:
„I..Ich will nicht!"
„Ganz ruhig, Frau S. Das wollen alle nicht!"
„Tatüü... Tataa ...!!“
„Muss es denn unbedingt ..."
„Sssch, regen Sie sich nicht unnötig auf. Wir sind gleich da und dann wird alles gut!"

´'Denkste! Dann geht`s erst richtig los!`, dachte ich.´Weshalb aber auch nur war ich auf der blöden Bananenschale ausgerutscht und wieso war zuvor jemand so dämlich gewesen, die ausgerechnet mitten auf dem Gehweg vor meinem Haus abzulegen? Der hätte sich doch denken müssen, dass ich dann prompt lang hin knalle!`
Diese aufwühlenden Gedanken brachten meinen Kreislauf wider Erwarten auf Hochtouren. Vorübergehend fühlte ich mich wieder etwas wohler, was aber leider nur von kurzer Dauer war. Als sie die Trage mit mir Häufchen Elend aus dem Wagen hoben, umklammerte ich krampfhaft deren Ränder. Herunter zu fallen, wollte ich nicht riskieren, sondern im Krankenhaus wenigstens noch ein gesundes Bein vorweisen können.
´Ist ja wichtig. An dem können die nämlich sehen, wie sie das andere zusammenflicken müssen!`

Es war der letzte, noch halbwegs logischer Gedanke. Ich sah nämlich Weißkittel herum eilen, gefolgt von einer Armada aufgescheuchter Krankenschwestern und blickte auf anderen Tragen auf verbundene Köpfe, Arme wie auch Beine. An denen machte ich blitzschnell Studien, wie also mein eigenes nach der OP verkleidet sein würde.
´Aber ich sorge dafür, dass es zum Bein-Top-Model des Monats gekürt werden wird. Jedem, der mich hier piekt oder sonstwas mit mir anstellt, verlange ich ein Straf-Autogramm ab!!`

Zunächst verlangte ich niemandem etwas ab, sondern war froh um jede Sekunde, die ich am Leben blieb. Ich bibberndes Etwas und das sich meinetwegen in ähnlicher Weise betätigende Luxusbett unter mir erregten die Aufmerksamkeit einer, wie es den Anschein hatte, noch nicht so sehr abgebrühten Schwester in weißer Tracht und mit einer hübschen Haube auf dem Kopf. Sie wirkte auf mich wie das entgegen gestrecktes Paddel auf den Ertrinkenden.
„Blei..ben Sie gleich bei m..mir?"
Nett war sie und gut erzogen zudem:
„Na klar! Übrigens, ich heiße Schwester Christa!"
´Etwa die aus der Fernsehklinik? Quatsch, jetzt dreh ich ja völlig durch. Damit sollte ich mir eigentlich noch ein bisschen Zeit lassen ... So ungefähr, bis ich im OP bin!`
Schwester Christa übernahm entschlossen die Führung und schleuste uns, dabei unentwegt auf mich einredend, haarscharf an den Göttern in Weiß vorbei und schob mich beängstigend fix auf den OP-Saal zu. Prompt war mein vor wenigen Minuten noch einigermaßen munterer Kreislauf überhaupt nicht mehr munter. Ich schrumpfte zum seelischen Floh.
´Lieber Gott. Wenn ich schon sterben soll, dann mach, dass es wenigstens schnell geht. Ich
sing auch bestimmt in alle Ewigkeit mein schönstes Halleluja für Dich!`
Gut nur, dass Schwester Christa den Schwachsinn nicht mitbekam, sondern nur mein hilfloses Seufzen vernahm. Leider fand sie es dringlich an der Zeit, zur Sache zu kommen. Zu meinem Pech war sie Anhängerin der neuen Methode, den Patienten über alles aufzuklären. Es hieße ´aufklären`, koste es, was es wolle und sei es des Kranken letzte Nerven. Gegenüber Privatpatienten schwelgte sie geradezu in Erklärungen und mir wurde es zunehmend schlechter.
„Zunächst wird Herr Dr. Zitteraal ..."
„Wiiee heißt deer ...?"
Sofort zitterte mir das Herz im Leibe.
„Keine Sorge! Er macht es jeden Tag dreimal. Bis heute hat er noch keine Beine verwechselt!"
„Wie beruhigend zu wissen!", stöhnte ich.
„Das heißt: Einmal, ja richtig, jetzt erinnere ich mich wieder: Da hat er ´nen Nagel vergessen und den Patienten nochmal aufmachen müssen. Der hatte das selbstverständlich nicht so sehr gerne. Kann man ja verstehen, nicht?"
Ich verstand vor allem dies Letzte dermaßen gut, dass ich nur noch geschockt nach Luft schnappte. Sonst hätte ich mein krankes Bein unter den Arm geklemmt (es war ja soundso kaputt) und wäre auf dem gesunden von dannen gehüpft. Doch blieb mir diese letzte Chance zum Rückzug ja verwehrt.

Vor der besagten Schicksalstür abbremsend, besann sich Schwester Christa ihrer Pflicht, mir nochmals genauestens zu beschreiben, was gleich geschehen würde:
„Zuerst schneidet Dr. Zitteraal (Nomen est Omen) Ihr Bein bis zum Knochen auf. Das Loch wird auseinander gespreizt. Es blutet dann ziemlich stark. Und später nimmt er den Hammer und schlägt die Nägel ein. Es soll ja auch alles halten. - Na, Sie kriegen ja von dem Krach dabei nichts mit. Sie schlafen ja und träumen süß ..."
Wie recht sie hatte! Ich bekam nämlich nach dieser letzten, wahrlich so sehr sensiblen Anmerkung gar nichts mehr mit. Es war eine Narkose ohne Narkose!

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