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Vor 50 Jahren am Ende einer Ehe

Von Feierabend-Mitglied Samstag 24.04.2021, 18:00

1971

Gebunden an Sicherheit, gefesselt durch Zwänge, geknebelt mit Abhängigkeiten, vergewaltigt durch Dressur, luftarm, freudlos, gedemütigt, gespalten, dir selbst entfremdet ahnst du noch immer Sonne und Wärme. Du liegst lautlos, voll Angst, atmest reduziert in deinem Stützkorsett. Du möchtest dich rühren, deine Glieder sind steif, deine Seele bandagiert, deine Gedanken planvoll in Bahnen gelenkt, die in die falsche Richtung zeigen.

Dein Ziel ist ein Nichts, ein Grauen, ein Tod, Sackgasse, Einbahnstraße, Resignation. Noch hungert deine Seele nach Leben, drängt auf Befreiung, hofft auf verbliebene Kraftreserven. Dein Magen würgt an Gefressenem, Unverdaulichem, bring es wieder, entgifte dich. Dein Blut pulsiert durch verengte Blutgefäße, hole tief Luft, fülle deine Lungen, sprenge mit aller Kraft die Bänder, die dich umklammert halten.

Das Atmen ohne Stütze schmerzt, es ist der Schmerz, der den Tod überwindet. Achte nicht auf das Reißen und Brechen in dir…. Öffne weit deinen Mund, und lass den Schrei der Erlösung aus deinem Bauch. Erhebe dich, glaube an deine Kraft, schüttel den Staub der Dumpfheit von dir, und wage ein menschenwürdiges Leben.

2021

Nachdem ich das aufgeschrieben hatte, erfüllte mich eine tiefe Wärme. Kraft und Entschlossenheit stieg in mir auf und ich verließ mit den Kindern meinen Mann. Ich war mittellos, ging in eine ungewisse Zukunft, aber ich spürte mich wieder. Endlich war ich auf dem Weg zu mir und die ganze gestaute Kraft half mir, unbeirrt mit den Problemen einer alleinerziehenden Mutter zurechtzukommen. Endlich konnte ich auch beruflich mit Kindern arbeiten, was mir bei meiner Heilung eine große Hilfe war. Täler, die ich durchlaufen habe, führten immer wieder auf einen Berg. Dieser Ausblick machte Mut und nie gekannte Lebensenergie, Freiheit und Weite lag vor mir und meine Töchter waren das Beste, was ich hatte. Später wurde mir bewusst, dass es auch für meine Kinder ein notwendiger Schritt war, denn sie wurden lebhaft, kreativ, selbständig und ehrlicher. Durch sie lernte ich Humor und Kreativität. Eine depressive Mutter schädigt Kinder für ein ganzes Leben. Es war ein langer, manchmal beschwerlicher Weg, aber im Laufe der Jahre habe ich alten Seelenmüll abgeworfen und lernte, zu vergeben. Die Liebe zog in mir ein, sie leitete mich und wurde zu meiner stillen Begleiterin.

Damals habe ich einen Schwur geleistet: “ Ich werde auf meinem Lebensweg nie wieder in die Enge gehen." Der einzige Weg für mich bleibt bis zum heutigen Tag der Weg in die Weite. Und daran kann auch das Älterwerden nichts ändern. Ich habe die Weite nach Außen gelebt, heute lebe ich die Weite nach Innen und dabei durchfließt mich tiefe Dankbarkeit.

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