Vom Elsass ins Allgäu
Von
speedygonzalez
Samstag 18.09.2021, 08:32
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speedygonzalez
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Ein schreckliches Erlebnis habe ich in Erinnerung. Es war am 5.12. und jeder wird wissen, dass es sich um den Nikolausabend handelte. Ausgerechnet da saß Vati mit uns in der Küche auf einer Decke auf dem Boden und wir purzelten über ihn und wurden so richtig von ihm verkitzelt. Ein Heidenvergnügen für Wölfchen und mich, da es so selten war. Plötzlich wurden von außen die Klappläden aufgestoßen und ein Straßenbesen erschien im Fenster, welches Mutti wegen der Pfannkuchen, die sie buck, offenlassen musste. Wölfchen lief vor Entsetzen schreiend in den Flur, wo er, die Hände vor dem Gesicht, weiterschrie. Dass dann vergoldete Nüsse und Äpfel hereingeflogen kamen, hat er in seinem Entsetzen nicht mitgekriegt. Und etwas später kam er dann persönlich, der Nikolaus. Hansjosef flüchtete sich unter den Tisch und war um nichts in der Welt darunter hervorzuholen. So bekam ich also die ganze Prozedur ab. Was nun genau, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls habe ich es Hansjosef später nicht abgenommen, dass er unter dem Tisch gesessen hätte und sich das Lachen verbeißen musste. Konnte er später wirklich gut erzählen. Nikolaus fasste dabei mit seinem Schirm (weiß der Teufel, wozu Nikolaus im Himmel einen Schirm braucht??) und meinen Nacken und zog meinen Kopf in Richtung auf den großen Sack, wobei Mutti mir ganz entsetzt abwehrend winkte. Mehr ist mir dabei nicht passiert.
Viel später erst habe ich herausbekommen, dass Onkel Erich, Vatis Freund und Arbeitskollege in dem Nikolausgewand gesteckt hätte. Mit Onkel Erich und Tante Elisabeth Schnitzer waren wir nicht verwandt. Wir nannten sie nur so. Die beiden Söhne Rolf und Heiner kamen ab und zu herüber und spielten mit Hansjosef und Magdalene. Ich war zu jung – immer dasselbe! Tante Elisabeth hatte mediale Begabung und einmal haben sie mit Vati und Mutti einen spiritistischen Abend gemacht. Mit Tischrücken und so. Wie Mutti mir erzählte, als ich schon erwachsen war, sind sie dann in der Nacht wie von Furien gehetzt Hand in Hand nach Hause gerannt. Onkel Erich war ein echter Kumpan für Vati, auf den er sich immer verlassen konnte.
Mutti wurde mit vier Kindern dann in Altkirch das Mutterverdienstkreuz überreicht, was sie sehr wütend machte, wie sie später einmal sagte. Sie habe sich die Kinder gewünscht und nicht wegen Adolf bekommen. Und als sich dann ein Bonze erdreistete, Vati vorzuschlagen, dass Magdalene auf eine Blutordensburg ins Internat gehen sollte, ist Vati fast ausgeratet. Er hat sich bei einer anderen einflussreichen Persönlichkeit darüber beschwert und es wurde nichts daraus. Vati hat sie aber postwendend vom BDM abgemeldet. Das hätte, aber auch ins Auge gehen können, nur kam es nicht mehr dazu, denn die Front rollte unaufhaltsam näher.
Das bekamen wir Kleinkinder allerdings nicht mit. Die wenigen deutschen Soldaten gehörten einfach zu unserem Straßenbild. Nur die Bomber der Amis und Tommis, die wir vom Kellerausgang aus zu Hunderten und nochmals Hunderten über uns hinweg ins Reich hinein brummen sahen, waren Ausdruck genug. Zu dieser Zeit hatten Vati und sein Freund Erich Schnitzer, mit dem er die ganzen Kriegsnöte gemeinsam durchstand, schon den Plan gefasst, zu fliehen. Die notwendigen Kisten zum Verpacken unseres Hab-und Gutes aus dem Ersatzteillager organisiert, waren schon in Auftrag. Oma ist, glaube ich, wieder nach Essen zurück und wir sind bei Nacht und Nebel aus Altkirch weg, frag mich nicht wie. Dunkel kann ich mich an eine nächtliche Bahnreise mit verdunkelten Fenstern und blauem Licht erinnern und an sehr gespannte El-tern. Vati wurde dann, als Mülhausen verloren war, nach Kulmbach versetzt und wir landeten in einem Flüchtlingslager in Tuttlingen. Das muss im Sommer gewesen sein, denn wir sind viel an der Donau entlang spaziert. Später hat Mutti einmal erzählt, dass sie uns alles Mögliche gezeigt hätte, und Magdalene dabei dann äußerte: "Mutti, das wäre ja alles noch viel schöner, wenn ich nicht so einen Hunger hätte." Mutti hat vor Verzweiflung geweint.
Mir hat aber ein aus Holz selbstgebauter kleiner Panzer der großen Jungens imponiert und ich durfte mal wieder nicht mit, als Hansjosef mit den Burschen holzpanzerbewaffnet abzog. Ich war ja auch 4 Jahre jünger. Eine andere Erinnerung trage ich heute noch im Gesicht links unten am Mundwinkel, weil ich einmal eine Treppe hinunter geflogen und mit dem Gesicht auf dem gusseisernen Geländer aufgeschlagen bin.
Wir haben es Tante Gertrud, Muttis jüngerer Schwester zu verdanken, dass wir dann ins Allgäu weiterverlegt wurden, wo wir dann mit ihr und Töchterchen Irmchen in dem aufgelassenen "Unteren Haus" einquartiert wurden. Das war ein Bauernhof, der von Schwärzlers nicht mehr bewirtschaftet wurde.
Als ich 21 war, kam Altkirch noch einmal in mein Blickfeld. Ich war mit meiner Freundin, auf meinem Heinkelroller unterwegs nach Südfrankreich. Nach dem Verlassen der Autobahn bei Karlsruhe, weiter ging sie noch nicht nach Süden, fuhren wir durch Mülhouse, wie es jetzt heißt, Richtung Belfort, als ich ein Straßenschild "Altkirch 19km" sah. Ich hielt an und erzählte ihr, was mich an Altkirch band und wir machten den Umweg dorthin. Am Bahnhof kamen wir in dieses immer noch kleine Örtchen und nach 18 Jahren!!! fand ich blindlings die Bäckerei Winninger wieder, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, auch wenn die Straße nun nicht mehr Rittlingstraße, sondern Rue de France hieß. Alte Übung, gelle? Bei Winnigers wurden wir herzlichst begrüßt und empfangen und alte Erinnerungen ausgetauscht. Nun war mein Vorrat daran ja ziemlich begrenzt und da wir noch bis nach Belfort weiterwollten, haben wir uns bald verabschiedet.