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Überraschung

Von Feierabend-Mitglied Dienstag 08.09.2020, 06:55

Zweiunddreißig Männer singen in unserem Männergesangverein. Alle vier Stimmlagen, erster und zweiter Tenor, erster und zweiter Baß sind vertreten. Ich brumme im zweiten Baß. So ein dörflicher Männerchor spiegelt die ganze soziologische Vielfalt des Dorfes. Da sind alle Altersgruppen, alle Berufe, parteiübergreifend eben die bunte Vielfalt eines Dorfes. Ich kenne natürlich alle Chormitglieder, den einen besser, den anderen weniger gut.
Zu denen, die ich weniger gut kenne gehört Max. Er singt im ersten Tenor. Ich weiß, daß er einer von vierzehn Vollerwerbsbauern ist, die im Chor vertreten sind. Er ist einundsechzig Jahre alt und recht wortkarg, ein eher stiller, aber angenehmer Mann. Er baut Getreide an und hat zwei große Mähdrescher, mit denen er in der Erntesaison Lohnarbeiten bei den Bauern der Umgebung leistet.
An einer alten Wanduhr, einem Erbstück aus der Familie ist beim Putzen ein gedrechseltes Türmchen abgebrochen und auf dem Boden in mehrere Teile zerbrochen.
Im Chor habe ich gefragt, ob jemand weiß, wer drechselt. Na, der Max drechselt, hat man mir gesagt. Ich habe ihn dann gefragt, ob er mir so ein Türmchen drehen kann. Bring die Uhr als Muster mit und komm am Samstag vorbei, dann mache ich das, sagte er mir. Gesagt, getan. Ein typischer Bauernhof mit großen Scheunen für Traktoren und Landmaschinen und ein hübsches, gepflegtes Wohnhaus stehen da etwas außerhalb des Dorfes allein da. Im Keller eine Werkstatt mit der Drehbank. Nach einer guten Stunde war mein Türmchen fertig. Vielen Dank.
Magst du eine Tasse Kaffee fragt seine Frau. Gerne. Ich kannte sie nur vom Sehen. Wir plaudern ein wenig. Soso Max, sage ich, dann ist also das Arbeiten mit Holz dein Hobby. Das mache ich nur so als Ausgleich im Winter, sagt er. Seine Frau lacht. Sein Hobby, sagt sie, ist etwas ganz anderes. Ach ja? Was denn, frage ich. Geh Max, zeig's ihm, sagt seine Frau. Komm mit, sagt der Max und steigt vor mir eine Treppe hoch. Oben macht er eine Zimmertür auf und schaltet das Licht ein. Ich geh ins Zimmer, schaue mich um und bin fassungs- und sprachlos. An drei Wänden sitzen auf Regalböden vom Boden bis zur Decke hunderte von Puppen. An der vierten Wand ein gutes Dutzend Puppenstuben.
Und der wortkarge Max beginnt, mir die Puppen zu erklären, Käthe Kruse Puppen, die älteste über 100 Jahre alt , Zapf Puppen aus der Vorkriegszeit, französische Corolle Puppen usw. usw. Zu jeder Puppe hat er eine Geschichte zu erzählen, wann und wo er sie gekauft hat, was das Besondere daran ist. Ganz weich ist er mit den Puppen in den abgearbeiteten, knorrigen Händen. Über zwei Stunden lang zeigt er mir seine Puppen.
Ich verabschiede mich und fahre nach Hause. Das hat aber lange gedauert für das kleine Türmchen, sagt meine Frau. Das war in einer Stunde fertig, sage ich, aber danach, das muß ich dir erzählen, das glaubst du nicht.

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