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Trennung nach fünfundvierzig Jahren

Von optik Montag 25.04.2022, 20:24

….oder: eine wertbeständige Investition in die Zukunft

Wer erinnert sich heute im Jahr 2022 noch an das Wort Zwangsumtausch? Dabei ist es gar nicht sehr lange her. Dieser Begriff stammt aus jener Zeit als Deutschland noch geteilt war und wie ich vor Wochen in einer Umfrage hörte, ist dies bei sehr vielen unserer Mitbürger schon lange abgehakt und teils vergessen.
Ich erinnere mich, wie ich in jenen denkwürdigen Tagen des neunten Novembers 1989 vor dem Bildschirm saß und die Bilder regelrecht in mich aufsog. Ich konnte es nicht mal begreifen, was ich sah. Die so oft erlebten linientreuen Grenzbeamten standen entgeistert, teils süß-sauer schauend und waren wohl ebenso überrascht. Der antifaschistische Grenzwall, wie man die Mauer von Seiten der DDR-Obrigkeit bezeichnete war plötzlich nicht nur „brüchig“ geworden, nein, er fiel.
Ein Volk bestehend aus Ost und West fiel sich in die Arme und Willy Brandt sagte: „Nun wächst zusammen was zusammen gehört“. Meine Patentante Gerda schrieb spontan eine Karte „Jetzt kannst du mich ohne Ein- und Ausreise- und überhaupt ohne Visumsformalitäten besuchen“.
Aber ich hatte ja an den Zwangsumtausch erinnern wollen und von jener, damals getätigten „Investition“.
Schon im Jahre 1964 teilte die Regierung der DDR mit, dass man ab dem 1. 12. einen Mindestumtausch einführen würde. Als unsere Großeltern im Mai 1970 ihre goldene Hochzeit feierten zahlten wir dann auch diese, nicht unerhebliche, aber für uns unsinnige Zwangsabgabe.
Unsere Besuche wurden zu einem festen Ritual als Oma 1974 verstarb. Jeweils für eine Woche besuchten wir unseren Opa, wenn er am 12. April seinen Geburtstag feierte. Beladen mit unzähligen Mengen an Kaffee und Schokolade, Dosen mit Ananas, Kugelschreiberminen, Perlonstrümpfen und was es noch an Errungenschaften des kapitalistischen Westens gab, führten wir im Gepäck mit.
Was uns letztlich auch den Zwangsumtausch schmackhafter erscheinen ließ, war die heimatliche kulinarische Hausmannskost und wir durften uns jedesmal rundum satt essen. Wir fuhren gerne. Unvergessen die Wildschwein- oder Entenbraten die unsere Tante bereitete, der köstliche Spargel und die Unmengen an Kuchen und Torten. Bei den Mahlzeiten durften wir regelrecht schwelgen.
Es waren Reisen in unsere Heimat, zu der Familie und zu all den altvertrauten Freunden.
Nach einer „Einladung“ von Opa, um damit die Genehmigung zur Einreise zu beantragen, erhielten wir ein Visum für den Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik. Am Zielort bei der ortsansässigen Behörde, der Volkspolizei mussten wir uns innerhalb von vierundzwanzig Stunden mit den Einreiseunterlagen anmelden.
Neben dem Vopo-Gebäude war auch die Deutsche Notenbank, bei der wir dem Umtausch vornehmen lassen mussten. Die Behörden der DDR waren darin sehr genau und eigen. Die Besuche waren jedes Mal aufregend mit den Formalitäten und Kontrollen an der innerdeutschen Grenze.
Ja, damals erlebten wir eine „Erregung der besonderen Art,“ mit einem Grummeln im Magen! Wir brauchten keinen Adrenalinkick.
Wer es erlebte wird sich daran erinnern.
Irgendwann nach der Anreise saßen wir bei Opa in der Wohnstube. Zur Begrüßung war meistens die gesamte Familie anwesend, ebenso oft auch alte Freunde.
Nach einer ersten Stärkung an Opas Tisch, begaben wir uns sofort zu diesem behördlichen Pflichtprogramm.
Bei den Vopos ließen wir die Einreise abstempeln, dann zur Bank um den Obolus zu entrichten. Für die Zeit des Aufenthaltes mussten wir den DM-Wert im Kurs 1:1 pro Person tauschen. Sieben Tage –ergo siebenmal den Wert des Umtauschsatzes.
Mit dem Einzug der guten, wertvolleren D-Mark erhielten wir Mark-Ost, der DDR-Währung. Allgemein wurde es im Volksmund Monopolygeld genannt.
Besucher sollten den Wert des Umtauschs auch im Bereich der DDR ausgeben, und die Ausgaben für die Ausreise dokumentieren, wo und wie man das Geld verbraucht hatte.
Unsere Mutti hatte uns sehr sparsam erzogen. Sie achtete darauf das Geld vernünftig auszugeben und sie kaufte überwiegend Frottee-Handtücher und Wäsche. Opa riet, „kauft euch man bloß Schuhe oder Lederwaren. Die werden von hier alle in den Westen exportiert“.
Es war im Jahr 1977 als unser Opa seinen 90-ten Geburtstag feierte. Auf der Dorfstraße hatte sich ein neuer Laden etabliert. BHG nannte er sich. Übersetzt: Bäuerliche Handelsgesellschaft. Dort gab es allerlei für Ackerbau, Viehzucht und den Garten zu kaufen. Natürlich war die Neugierde auch bei uns „Westlern“ groß. Dort fand ich für neununddreißig Ost-Mark ein Paar Gummistiefel. Hell-beige in der Farbe mit derb-fester dunkelbrauner Profilsohle. Sie sahen gar nicht wie einfache Gummistiefel der herkömmlichen Art aus. Trotz der eingeprägten, anerzogenen Sparsamkeit fielen sie mir sofort ins Auge, ich wollte sie haben! Es war ein Spontankauf ohne jede bisher erlebte Reue. Glücklich und voller Stolz kehrte ich zur Familie zurück. Opa war sehr zufrieden mit meiner Wahl. Meine Geschwister grinsten. Mutti schimpfte „bist du verrückt! Wie kann man so viel Geld für leppische Gummistiefel ausgeben. Als gäb es bei uns keine, außerdem sind sie wesentlich billiger….“ Naja, sowas kannte ich von meiner Mutti.
Was ich jedoch damals nicht ahnte…..

Inzwischen gibt es die DDR nicht mehr. Mein Opa und meine Mutti sind verstorben. Inzwischen gibt es auch keine D-Mark mehr, ebenso keine Ost-Mark.
Helmut Schmidt war damals Kanzler, dann folgten achtzehn Jahre Helmut Kohl, Schröder und selbst die 16 Jahre von Angela Merkel sind Vergangenheit. Meine Stiefel überlebten sogar die Finanzkrise. Der Wert meiner Stiefel von neununddreißig Ost-Mark im Tausch gegen neununddreißig D-Mark haben alle inflationären und wirtschaftlichen Wogen überstanden.
Zwar waren sie im Verlaufe der Jahre nicht mehr sauber hell-beige, es zeichneten sich Nutzungs- und Schmutz-Spuren ab. Wasserdicht waren sie aber allemal und auch die Sohle blieb tadellos im Profil. In den Wintermonaten bewährten sie sich als Schnee- und Rutschsicher, bei matschig-feuchtem Schmuddelwetter blieben sie stets funktionstüchtig und bei der Gartenarbeit einfach ideal.
In den Frühjahrstagen diesen Jahres, -nachdem wir auch noch zwei Jahre innerhalb der Pandemiezeit Schritt und Tritt durch Wald und Flur geteilt hatten, bekam ich plötzlich nasse Füße!
Oh weh, was war passiert? In den wunderbaren Profilsohlen waren Risse zu erkennen. Schweren Herzens musste ich mich von diesen treuen Weggefährten trennen. Nahezu fünfundvierzig Jahre hatten sie mich begleitet.
Allerdings: Ich hatte sie als „junger Hüpfer“ erworben, langsam blieben mit dem Alter auch meine Gelenke nicht mehr so beweglich. Zuweilen dachte ich an einen „Stiefelknecht“, wie mein Opa ihn hatte. Da aber mein „Geist“ noch helle war, behalf ich mich mit selbstgestrickten Wollsocken, die die Defizite ausglichen. Sie hatten zudem eine doppelte Wirkung. Bei kalter Witterung behielt ich warme Füße und kam außerdem leichter aus den Stiefeln, weil die Socken drin stecken blieben.
Nun ja, wenn ich es richtig bedenke, muss ich heute feststellen: Irgendwie musste die DDR untergehen!!!!! Meine Stiefel waren von besonderer Haltbarkeit, eben Wertarbeit, -und: So lange hielten keine in einer „freien marktwirtschaftlichen Produktion“ hergestellten Stiefel.
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