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Traumflug

Von tastifix Montag 01.08.2022, 19:31

Abends im Bett blättert Martina in einem Stapel von Reisekatalogen.
„Wo ist denn nur ... ?“, murmelt sie. „Verflixt, ich hab es doch dort hingelegt!“
Etwas später hat sich das Heft über Island gefunden.Klar brennt die Sonne vom wolkenlosen, strahlend blauen Himmel und sie blickt auf schneebedeckte Berge sowie typisch karge Täler, die bis zum Horizont zu reichen scheinen. Besonders eindrucksvoll sind die Aufnahmen von den berühmten heißen Quellen, den Geysiren.
´Wenn die den Leuten dann zu heiß sind, können sie sich ja in der Gischt der in unmittelbarer Nähe herabstürzenden Wasserfälle erfrischen!". grinst Martina.
Sie fasziniert die Wildheit und Weite dieser Landschaft, in der die kleinen Städte und Dörfer sich fast verlieren. Sehnlich wünscht sie sich, dort mal ihren Urlaub zu verbringen. Während sie gebannt die Fotos betrachtet, schweifen ihre Gedanken in die Ferne. Bald aber siegt die Müdigkeit und sie schläft ein.

Martina sitzt im Flugzeug. Draußen in den bedrohlich schwarzen Wolken tobt ein schlimmes Gewitter. Es blitzt und donnert pausenlos. Das flugzeug wird von ständig heftiger werdenden Turbulenzen hin- und her gerüttelt. Alarmiert schreckt Martina hoch.
„Ich muss ins Cockpit. Wir schweben in Lebensgefahr!“
Es ist fast ein Schrei gewesen. Weshalb nur reagiert die freundliche Stewardess nicht darauf, die ihr vorhin noch so nett einen warmen Becher Tee serviert hat? Martina löst hastig den Gurt und stolpert durch den Mittelgang von Sessellehne zu Sessellehne nach vorne.
„Sind Sie wahnsinnig geworden? Gehen Sie sofort auf Ihren Platz zurück!“, faucht empört die ehemals so nette Stewardess.
„Aber ich bin doch die Co-Pilotin. Ohne meine Hilfe sind wir verloren.“

Ihr Gegenüber guckt fassungslos. Martina guckt dann ebenso, allerdings aus einem anderen Grund. Sie sieht nämlich den Kapitän aus dem Cockpit treten und auf eine Sitzreihe der ersten Klasse zueilen. Dort sitzt ein etwa 5-jähriger Junge mit einem Flieger in der Hand, den er immer wieder in wilden Kurven kreuz und quer durch die Luft zischen lässt. Die Umsitzenden ziehen bereits die Köpfe zwischen die Schultern. Mehr ist nicht drin, sie sind ja angeschnallt.
„Onkel Kapitän, ich bin auch Pilot, so wie Du.“
Der Kapitän lächelt, obwohl er eigentlich hat schimpfen wollen.
„Na, Du bist aber ein waghalsiger Pilot. Hast Du denn keine Angst, dass Dein Flugzeug abstürzen könnte?“
„Nee, aber Du, ja?“, antwortet der Kleine und denkt:
´Endlich wird`s spannend!`
Derweil kämpft sich Martina immer weiter nach vorne.
´Wenn nicht bald jemand eingreift, dann wird etwas Schreckliches passieren!`
Sie wirft dem noch immer grinsenden Kapitän einen wütenden Blick zu:
„Wie können Sie hier herum albern, obwohl Sie genau wissen, in welcher Gefahr wir alle stecken?!", entrüstet sie sich.

Ohne die Antwort abzuwarten, drängt sie sich kopfschüttelnd an der wütenden Stewardess vorbei, schubst den darob sprachlosen Kapitän grob zur Seite und verschwindet im Cockpit - den lauten Protest der Flugbegleiter im Ohr. Wie angewurzelt bleibt sie stehen. Ihr Blick geht ins Leere. Wo sind nur all die Schalter und Knöpfe hin, die in solch ein Cockpit gehören?
´Find` ich die jetzt nicht schnellstens, ist alles aus!`
Verzweifelt tastet sie die Wände der kleinen Kabine ab. Aber sie entdeckt noch nicht mal den Starthebel. Völlig erledigt plumpst sie auf den Pilotensitz.

Auf einmal beschleicht sie ein eigenartiges Gefühl. Verunsichert schaut sie zum Fenster, entdeckt ihr Spiegelbild und erstarrt: Es sieht ihr eine junge Dame in adretter Uniform entgegen. Blitzartig begreift Martina, dass sie soeben auch offiziell zur Pilotin dieser Himmelsschaukel befördert worden ist. Im nächsten Moment erscheinen vor ihrem geistigen Auge der besagte Hebel und die gesamte Anzeigentafel mit all den blinkenden Lampen, den Schaltern und Knöpfen. Wie selbstverständlich übernimmt Martina das Kommando sowohl über das Cockpit als auch über die Menschen an Bord.

„Hehe, Herr Kapitän. Setzen Sie sich und schnallen Sie sich an! Ich versuch die Maschine runter zu bringen. Wir landen dann gleich!“
„Wiiee bitte??“, stottert der leichenblass und fällt in den nächst stehenden Sessel.
„Au! Können Sie nicht besser aufpassen, Sie Flegel?“, zankt eine Dame, auf deren Schoss er gelandet ist.
„Entschuldigung. Ich wollte nicht ... “
„Und überhaupt: Was suchen Sie denn hier hinten? Verdünnisieren Sie sich schleunigst nach vorne, bevor ich mich noch entschließe, Sie wegen unterlassenen Rettungsversuches hilfloser Passagiere anzuzeigen!“
Wenn Blicke töten könnten, läge er jetzt mausetot im Mittelgang liegen.
„Ja, abaa ... “. stammelt er.
„Nix aber! Wer lenkt denn jetzt überhaupt dieses Ding?“
„Ich!“ bemerkt Martina.

Sie selber wundert sich über gar nichts mehr. Wieder zurück im Cockpit noch nicht mal darüber, dass einer der Hebel plötzlich in ihrer Hand liegt. Je nachdem, wie sie ihn bewegt, dreht sich das Flugzeug einmal um sich selber oder neigt sich zur Seite.
„Hui, Tante. Das ist ja geil!“, schreit der Steppke.
´Geil` hat er wohl im Kindergarten gelernt.
´Ich muss die Geschwindigkeit drosseln!`, überlegt Martina.
Sie tippt mit dem rechten Zeigefinger nachdrücklich in die Luft. Es klappt. Wieder erwischt sie den richtigen Schalter. Die Maschine verliert merklich sowohl an Höhe als auch an Tempo und gondelt im langsamen Ententanz durch das Wolkenmeer. Den schweigenden Passagieren, besonders der empörten Dame, dem immer noch kalkweißen Kapitän sowie dem nach wie vor unbekümmerten, kleinen Jungen fallen vor Staunen die Kinnladen herunter. Niemand sagt etwas, nur der Motor brummt gleichmäßig vor sich hin.

„Tante, wie machst Du das eigentlich?“, löchert sie kurz darauf der Kleine.
Er hat sich als erster wieder gefasst.
„Keine Ahnung!“, gibt Martina zur Antwort. „Es passiert einfach so!“
Sie ist die Ruhe selber. Alles erscheint ihr als so normal. Sie ist Pilotin und gerade dabei, mindestens siebzig Menschen das Leben zu retten. Auch der empörten Dame.
„Nach unten!“, zischt sie dem nur für sie sichtbaren Hebel rechts neben ihr zu, während sie ihn nachdrücklich drückt. „Und zwar vorsichtig, klar?“

Im nächsten Moment wundert sie sich aber doch etwas. Hat sie jetzt Halluzinationen? Spricht etwa jemand mit ihr?
„Gestatten: Von Hebel. Ich bin der Geist aus der Flasche. Dein Wunsch ist mir Befehl!“
„Sobald ich wieder unten bin, geh ich zu Frau Dr. Dattelbaum!“, murmelt Martina.
Frau Dr. Dattelbaum ist ihre Hausärztin mit der psychotherapeutischen Tiefenpsychologie.
Ein Zittern geht durch die Maschine und sie senkt die Nase wie deprimiert gen Erde. Sogar das Flugzeug scheint mit seinen Kabelnerven am Ende zu sein.
„Los, Herr Kapitän!“, kommandiert Kommandantin Martina. „Fix wieder ins Cockpit! Den Rest besorgen Sie!“
Sie dagegen zieht die schmucke Uniform wieder aus, legt sie ordentlich in Bügelfalten gefaltet auf den Sitz des Copiloten, mit ein bisschen Bedauern die schicke Kappe darauf und atmet tief durch. Sie ist wieder eine ganz normale Passagierin.

Fünf Minuten später haben selbst die bis jetzt mundtoten Fluggäste geschnallt, dass die Gefahr vorüber ist und schweigen nicht länger. Alles lacht befreit und quasselt durcheinander. Auch die nun nicht mehr empörte Dame, ebenfalls der Kapitän mit der erneut frischen Gesichtsfarbe und erst recht der kleine übermütige Junge aus der ersten Klasse. Mit einem letzten, allerdings noch etwas heftigen Ruck landet die Maschine auf dem Boden und kommt zum Stehen.

Martina wacht auf und findet sich auf dem Teppich wieder.

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