Traumflug
Von
tastifix
Mittwoch 23.06.2021, 14:32 – geändert Donnerstag 24.06.2021, 00:45
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tastifix
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Martina durchblättert einen Stapel von Reisekatalogen.
„Wo ist denn nur ... ? Verflixt, ich hab es doch dort hingelegt!“
Etwas später hat sich das Heft über Island gefunden. Klar brennt die Sonne vom wolkenlosen blauen Himmel. Martina blickt auf schneebedeckte Berge sowie typisch karge Täler, die bis zum Horizont zu reichen scheinen. Besonders toll sind die Aufnahmen von den Geysiren, den berühmten heißen Quellen. Sind sie dem Betrachter zu heiß, kann er sich in der Gischt der in unmittelbarer Nähe herabstürzenden Wasserfälle erfrischen.
Martina fasziniert es. Sehnlich wünscht sie sich, eines Tages dort ihren Urlaub zu verbringen. Ihre Gedanken schweifen in die Ferne. Bald aber siegt die Müdigkeit und sie schläft ein ...
Martina sitzt im Flugzeug. Draußen ists fast nachtschwarz, ein schlimmes Gewitter tobt. Die Turbulenzen, die das Flugzeug kräftig hin- und her rütteln, werden immer heftiger. Alarmiert schreckt Martina hoch.
„Lebensgefahr! Ich muss ins Cockpit!“
Es ist fast ein Schrei gewesen. Weshalb aber reagiert die freundliche Stewardess nicht, die ihr vorhin doch so aufmerksam Tee serviert hat? Martina löst hastig den Gurt und stolpert durch den Mittelgang nach vorne.
„Sind Sie wahnsinnig? Gehen Sie sofort auf ihren Platz zurück!“, faucht die ehemals so nette Stewardess.
„Aber ich bin doch die Co-Pilotin. Ohne meine Hilfe sind wir verloren.“
Die Stewardess guckt fassungslos.
Martina gleichfalls, aber aus einem anderen Grund. Aus dem Cockpit sieht sie nämlich den Kapitän auf eine Sitzreihe der ersten Klasse zueilen. Dort spielt ein etwa 5-jähriger Junge mit einem Flieger, den er immer wieder in wilden Kurven kreuz und quer durch die Luft zischen lässt. Die Umsitzenden ziehen bereits die Köpfe zwischen die Schultern.
„Onkel Kapitän, ich bin auch Pilot, so wie Du.“
Obwohl er eigentlich hat schimpfen wollen, lächelt der.
„Na, du bist aber ein waghalsiger Pilot. Hast Du keine Angst, dass dein Flugzeug abstürzen könnte?“
„Nee, aber Du, ja?“, antwortet der Kleine.
Derweil kämpft sich Martina immer weiter durch.
´Wenn jetzt nicht jemand eingreift, dann wird etwas Schreckliches passieren!`
Sie wirft dem noch immer grinsenden Kapitän einen wütenden Blick zu:
„Wie können Sie hier herum albern, obwohl Sie genau wissen, in welcher Gefahr wir stecken?!", entrüstet sie sich.
Ohne auch nur eine Sekunde die Antwort abzuwarten, stürmt sie kopfschüttelnd an der beleidigten Stewardess vorbei, schubst den total sprachlosen Kapitän grob zur Seite und verschwindet im Cockpit - den lauten Protest der Flugbegleiter im Ohr. Dort bleibt sie angewurzelt stehen. Wo sind denn all die Schalter und Knöpfe hin?
´Find` ich die jetzt nicht, ist alles aus!`
Verzweifelt tastet sie die Kabinenwände ab. Aber nicht mal den Starthebel entdeckt sie. Ratlos plumpst sie auf den Pilotensitz.
Irgendwie beschleicht sie ein eigenartiges Gefühl. Zufällig schaut sie aufs Fenster und sieht ihr Spiegelbild. Statt einer normalen Passagierin schaut ihr eine junge Dame in adretter Uniform entgegen. Martina begreift, dass sie soeben auch offiziell zur Pilotin dieser Himmelsschaukel befördert worden ist. Im nächsten Moment sieht sie vor ihrem geistigen Auge den besagten Hebel und die gesamte Anzeigentafel mit all den blinkenden Lampen, den Schaltern und Knöpfen. Wie selbstverständlich übernimmt sie das Kommando sowohl über das Cockpit als auch über die Menschen an Bord.
„Hehe, Herr Kapitän. Setzen Sie sich und schnallen Sie sich an! Ich versuch` die Maschine runter zu bringen. Wir landen dann gleich!“
„Wiiee bitte??“, stottert der leichenblass und fällt in den nächst stehenden Sessel.
„Au, Sie Flegel!?“, zankt eine Dame, auf deren Schoss er gelandet ist.
„Entschuldigung. Ich wollte nicht ... “
„Und überhaupt: Was suchen Sie denn hier hinten? Verdünnisieren Sie sich fix nach vorn, bevor ich Sie wegen unterlassenen Rettungsversuches hilfloser Passagiere noch anzeige!“
Wenn Blicke töten könnten, würde er jetzt mausetot im Mittelgang liegen.
„Ja, abaa ... “. stammelt er.
„Nix aber! Wer lenkt denn jetzt eigentlich dieses Ding?“
„Ich!!“, ruft Martina wie selbstverständlich.
Sie wundert sich über nichts mehr. Wieder zurück im Cockpit noch nicht mal darüber, dass einer der Hebel plötzlich in ihrer Hand liegt. Je nachdem, wie sie ihn bewegt, dreht sich das Flugzeug einmal um sich selber oder neigt sich zur Seite.
„Hui, Tante. Das ist ja geil!“, schreit der Steppke.
´Geil` hat er wohl im Kindergarten gelernt.
´Ich muss die Geschwindigkeit drosseln!`, überlegt Martina.
Sie tippt mit dem rechten Zeigefinger nachdrücklich in die Luft. Wieder erwischt sie den richtigen Schalter. Es klappt. Die Maschine verliert merklich an Höhe und gondelt im langsamen Ententanz durch das Wolkenmeer. Den schweigenden Passagieren, besonders der empörten Dame, dem immer noch kalkweißen Kapitän sowie dem nach wie vor unbekümmerten, kleinen Jungen fallen vor Staunen die Kinnladen herunter. Niemand sagt etwas, nur der Motor brummt gleichmäßig vor sich hin.
„Tante, wie machst Du das eigentlich?“, löchert sie kurz darauf der Kleine.
Er hat sich als erster wieder gefasst.
„Keine Ahnung! Es passiert einfach so!“
Alles erscheint ihr als so normal. Sie ist Pilotin und gerade dabei, mindestens siebzig Menschen das Leben zu retten. Auch der empörten Dame.
„Nach unten!“, zischt sie dem nur für sie sichtbaren Hebel rechts neben ihr zu und drückt ihn eindrücklich. „Und zwar vorsichtig, klar?“
Im nächsten Moment wundert sie sich denn doch. Hat sie jetzt Halluzinationen? Spricht etwa jemand mit ihr?
„Gestatten: Von Hebel. Ich bin der Geist aus der Flasche. Dein Wunsch ist mir Befehl!“
„Sobald ich wieder unten bin, geh ich zu Frau Dr. Dattelbaum!“, murmelt Martina.
Frau Dr. Dattelbaum ist ihre Hausärztin mit der psychotherapeutischen Tiefenpsychologie.
Ein Zittern geht durch die Maschine, sie senkt die Nase wie deprimiert gen Erde und scheint mit ihren Kabelnerven am Ende zu sein.
„Los, Herr Kapitän!“, kommandiert Kommandantin Martina. „Fix wieder ins Cockpit! Den Rest besorgen Sie!“
Sie dagegen zieht die schmucke Uniform wieder aus, legt sie ordentlich in Bügelfalten gelegt auf den Sitz des Copiloten, mit ein bisschen Bedauern die schicke Kappe darauf und atmet tief durch. Sie ist wieder eine ganz normale Passagierin.
Fünf Minuten später haben selbst die bis jetzt mundtoten Fluggäste geschnallt, dass die Gefahr vorüber ist und schweigen nicht länger. Alles lacht befreit und quasselt durcheinander. Auch die nun nicht mehr empörte Dame, ebenfalls der Kapitän mit der erneut frischen Gesichtsfarbe und erst recht der kleine übermütige Junge aus der ersten Klasse. Mit einem letzten, allerdings noch etwas heftigen Ruck landet das Flugzeug auf dem Boden und kommt zum Stehen.
Martina wacht auf und findet sich auf dem Teppich wieder.