Tja, was nun ...?
Von
tastifix
Donnerstag 29.07.2021, 18:36 – geändert Donnerstag 29.07.2021, 19:45
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tastifix
Donnerstag 29.07.2021, 18:36 – geändert Donnerstag 29.07.2021, 19:45
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Es passierte auf einem Literaturtreffen im privaten Rahmen. Sehr großzügig bemessene Räumlichkeiten, die Diele dagegen recht schmal und die Türen zu den verschiedenen Zimmern auch. Das Wohnzimmer war hergerichtet worden wie ein kleiner Kinosaal und bot an die 40 Sitzgelegenheiten. Für die musikalische Untermalung sorgte vor, zwischendurch und auch nach Ende der Lesungen ein Klavierspieler, der dazu noch recht gut singen konnte. Es wurde ein sehr gemütlicher, aber genauso langer und anstrengender Abend. Nach dem dritten halbstündigen Vortrag gab es eine Pause, während derer sich die Gäste an warmen sowie auch kalten Büffet laben durften, von der Gastgeberin liebevoll in der Küche präsentiert.
Während des zweiten Vortrages schon war mir etwas aufgefallen. Diagonal eine Reihe vor mir hatte ein Mann Platz genommen. Dies allein wäre ja nichts Ungewöhnliches. Auch Männer mögen Lesungen. Nein, dieser Gast war nicht so ganz schlank, eher ausgesprochen wohlbeleibt und hatte sich auf einen der etwas breiteren Sessel nieder gelassen, von dem er wahrscheinlich annahm, der würde unter ihm nicht zusammenkrachen. Außerdem sitzt es sich in einem Sessel meist sehr gemütlich.
Wenige Minuten später wechselte seine Mimik auffallend: Er nickte nicht mehr wohlwollend zu dem Text, sondern wirkte zunehmend unbeteiligter. Dann wirkte er nicht mehr nur unbeteiligt, sondern er schloss die Augen, sein Kopf neigte sich zur Seite. Kein Zweifel: Er war eingeschlafen und nach einer weiteren Minute schnarchte er - zum Glück nur ganz leise - munter vor sich hin.
´Das gibt einen ausgiebigen Spätnachmittagsschlaf!`
Zu seiner Ehrenrettung sei angemerkt, dass er schwer erkältet war.
Keiner monierte sein Benehmen. Im Gegenteil überwog wohl das Mitleid und wir alle taten so, als ob nichts wäre, grinsten uns aber heimlich zu.
Selbst ein Vortrag geht irgendwann zu ende. Die Gastgeberin lud dazu ein, sich doch in der Küche zu stärken. Eigenartig: So fest hatte unser Gast wohl doch nicht geschlafen! Er nieste einmal kurz, setzte sich auf und lächelte fröhlich in die Runde, die genauso heiter zurück lächelte. Die akademische Höflichkeitsviertelstunde reduzierte sich auf eine von nur fünf Minuten, in denen alle ein wenig unsicher umher schauten.
´Ich will nicht unbedingt als Erster in die Küche eilen!`
Doch duftete es zu verlockend. Wir vergaßen den Knigge und stürmten durch die Diele gen Küchentür. Zu der schon erwähnten sehr schmalen. So bildete sich eine lange Schlange durstiger und hungriger Zuhörer, die auch nur extrem langsam kürzer wurde.
Fast neidisch musterten wir die, die einzeln durch die Tür marschierten und genauso einzeln durch diese wieder die Diele betraten, dann jedoch mit gefüllten Tellern, die sie sehr zufriedenen Gesichtes wie einen Pokal vor sich her trugen und fix zu ihren Plätzen eilten. So allmählich konnte von Knigge-Manier keine Rede mehr sein. Nein, man hatte Hunger und war das Warten leid wie dicke Tinte:
´Nicht ,dass gar nichts mehr da ist, wenn ich endlich an der Reihe bin!`
Alles drängelte ungeduldig. Zwei versuchten, sich gleichzeitig in den Raum zu quetschen, was aber erwartungsgemäß scheiterte. Vielleicht hätte es ja doch klappen können, wenn in dem Moment nicht …
Sie standen fast in der Türöffnung, da kam es zum Stau. Der nicht ganz so schlanke, ääh, eher sehr wohlbeleibte Gast hatte sich bereits in der Küche bedient und strebte mit übervollem Teller wieder durch die Tür zurück. Nur, um dies zu bewerkstelligen, musste er sich an den Zweien vorbei drücken. Er drückte und quetschte, nichts ging mehr. Eindeutig: Er steckte fest! Der Mann vor mir wich hilfsbereit einige Zentimeter zurück und presste mich dabei gegen die Wand. Hilflos klebte ich dort und konnte mich kaum mehr rühren. Mir blieb vor verzweifelt unterdrücktem Lachen fast die Luft weg.
Immerhin lohnte es sich dann, für einige Sekunden Gemälde zu spielen. Einer der Zwei in der Türöffnung hatte es geschafft, sich in die Küche hineinzudrücken, der Zweite folgte, der nicht ganz so schlanke Gast befreite sich, drückte sich in die Diele, nahm grinsend die Parade der noch Wartenden ab und eilte ins Wohnzimmer zurück auf seinen Platz.
Als wir längst alle gesättigt waren, beobachtete ich, wie jener Mann noch bestimmt dreimal die Küche aufsuchte. Dann allerdings hatte er freie Bahn. Wir Anderen dagegen konnten nicht mehr.
Dieses Erlebnis werde ich garantiert nicht wieder vergessen.