Spiel in den Ruinen
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Feierabend-Mitglied
Mittwoch 19.05.2021, 09:49
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Aus Posen geflüchtet fanden wir erst mal Unterkunft bei Oma in Berlin Mitte. 1949 zogen wir in den "roten Wedding" nach Westberlin. Mein Vater eröffnete einen Tante Emma Laden mit Seife und Wirtschaftsartikeln. Hinten gab es 1.5 Zimmer, Küche und Außenklo, für mittlerweile 7 Personen, eng und dunkel.
Tagsüber waren wir draußen, wenn wir nicht gerade zu Hause helfen mussten. Als ältestes Mädchen lernte ich früh das Kochen, bald tat ich es ganz, außer am Wochenende. Ich war immer neidisch und auch wütend, alle durften raus und ich immer erst, wenn ich gespült und aufgeräumt hatte.
Schuhe besaßen wir nur für die Schule und für den Sonntagsgottesdienst, zum Spielen in den Ruinen waren wir barfuß.
Der schönste Spielplatz war das Ruinenfeld gegenüber, noch halbstehende Häuserfassaden ohne Scheiben, verfallene Treppenhäuser, in denen viele Stufen fehlten und Höfe, in denen wir erstaunliche Dinge fanden. Wir bauten aus kaputten Ziegelsteinen kleine Tische und Sitzgelegenheiten und jeder holte aus den Taschen was Essbares, das wir entweder beim Essen zu Hause heimlich eingesteckt hatten oder beim Gemüsehändler klauten. Alles wurde aufgebaut und brüder-oder schwesterlich geteilt. Wir Mädchen waren dabei erfindungsreicher, oft kamen auch die Jungen dazu.
Dann ging es auf Entdeckungsreise, wir fanden alte Lappen, Knöpfe, schillernde Glassplitter, Kerzenreste und alte, halbzerrissene Fotos mit Familienbildern. Nach solch einem Fund ertönte ein lauter Ruf und alle kamen zusammen. Wir schauten die Bilder an und wir stellten uns vor, wie diese Menschen gelebt haben. Daraus entwickelten sich oft Rollenspiele, in denen wir nachspielten, was wir auf den Fotos sahen. Mein Bruder spielte immer den strengen Vater, der auf einem Bild so finster blickte. Das konnte er am besten, weil wir einen solchen leibhaftig zu Hause hatten.
Auch Mutproben gehörten zu unserem Alltag, z.B. in den Häusern herumklettern. Wer es schaffte, über kaputte Treppenstufen bis zum 4 Stock zu kommen, der bekam viel Anerkennung, denn in den ehemaligen Wohnungen waren oft solche Löcher, dass man bis ins Erdgeschoß gucken konnte.
So saß ich eines Tages in einem Fenster in der 4.Etage, meine Beine baumelten draußen und ich jubelte laut: "ich hab's geschafft!" In meiner Freude sah ich nicht, dass mein Vater gegenüber in der offenen Ladentür stand und laut pfiff. Oh weh, diesen Pfiff kannten wir alle und er verhieß nichts Gutes. Ich schlich mit blutenden Füßen und völlig verdreckt hinunter, ging ängstlich über die Straße und wurde mit zwei schmerzenden Ohrfeigen empfangen. Vier Wochen Stubenarrest folgten, an die ich mich in der dunklen Wohnung nicht gern erinnere. Vorbei mit der herrlichen Freiheit und der Vater fand immer etwas, was ich falsch gemacht hatte. Mutter war depressiv und auch das lag schwer auf meiner 6jährigen Kinderseele.
Abends im Bett erzählten mir meine Geschwister von ihren Abenteuern und ich zählte die Tage, bis ich wieder raus durfte.