So etwas vergisst man nie wieder ... (2)
Von
tastifix
Mittwoch 02.06.2021, 07:00 – geändert Mittwoch 02.06.2021, 07:14
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tastifix
Mittwoch 02.06.2021, 07:00 – geändert Mittwoch 02.06.2021, 07:14
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Zurück daheim.
Ich atmete auf. Bislang lief alles zur vollsten Zufriedenheit der Großmutter väterlicherseits, Großmutter mütterlicherseits und dem überaus stolzen Großpapa ab. Sie bewunderten die Kleine, lobten die Mühe, die wir uns bei der Vorbereitung des Ganzen gegeben hätten, die geschmückte Tafel (die nach dem Genuss von Kaffee und Kuchen noch viel geschmückter aussah!) und nicht zuletzt die strahlenden jüngeren Geschwister des Kommunionkindes, die sich im Glanz der Älteren sonnten und sich an jenem Tag ausschließlich nur über ´Überbeachtung` hätten beschweren können. Wir waren also von zufriedenen Kindern umgeben, was alles denn unkomplizierter machte.
Ich entschied, dass sich die Hauptperson des Tages zum Spielen des Romantik-Looks entledigen durfte und erntete giftige Blicke sämtlicher älterer Verwandten. Ein Kommunionkind ohne sein Kleid? Unmöglich und gegen jede Konvention! Aber ich hatte die traurige Miene meiner Tochter gesehen und sie tat mir leid. Sie sollte sich wohl fühlen und sich später mit Freude an ihr Fest erinnern. Also raus aus dem Großeltern-rühr-Gewande und selig zurück in den geliebten Gammellook.
Von einer Sekunde zur nächsten wurde sie wieder zum Wildfang, schmatzte Kekse, bohrte in der Nase und holte mit Wonne alles nach, was ihr morgens strengstens untersagt worden war. Wir hatten wieder normale Kinder um uns, fröhlich spielende, aber genauso zankende, beleidigte, und wütende Kinder. Dann flogen die Fetzen. Dermaßen lange brav sein zu müssen, hatte ihrer Psyche eindeutig nicht gut getan.
Für weitere tiefenpsychologische Überlegungen fehlten der Wille und noch mehr die Zeit. Wir hatten Gäste. Zu intellektuellen Erwachsenengesprächen kamen wir jedoch nicht. Irgendwer wollte immer etwas: Ein Viertel Nachwuchs etwas zum Trinken, ein weiteres Viertel heulte einem von der Schwester geklauten Stofftier hinterher, das sich nirgends auffinden ließ und das dritte Viertel musste dringend aufs Klo. Weil es aber mit dem hinderlichen festlichen Outfit nicht fertig wurde, bescherte es so uns armen Eltern dann eine sehr willkommene winzige Verschnaufpause im Bad. A. hatte da leider keine Hilfe mehr benötigt!
Früher Nachmittag.
Es nahte die Stunde der Wahrheit. Die Dankandacht stand an. Würde A. oder würde sie nicht? Ich sah schwarz:
„Du musst dich umziehen!“
Wütend weit aufgerissene Augen, finstere Miene.
„Das doofe Kleid zieh ich nie wieder an, Mama. Nie wieder!!“, drehte sie mir frech den Rücken zu.
Ich schimpfte:
„Selbstverständlich tragt Ihr zur Andacht Eure Kleider. Auch Du, mein Kleines!!"
„Ich komm nur mit, wenn ich die Jogginghose anbehalten darf!“
Dies bekam die Vertraute und Nenn-Tante meiner Kinder mit. Mit Engelszungen redete sie auf den störrischen Nachwuchs ein:
„Warum nur möchtest Du es denn nicht anziehen? Es steht Dir soo gut. Was glaubst Du, wie die Anderen Dich beneiden werden!“
Das war genau das Letzte, was A. zu vernehmen wünschte:
„Ich will aber nicht!!!“
Da wurde es selbst der lieben Tante G. zu bunt:
„Es reicht jetzt!“
„Mir auch! Los, aber ganz schnell!!“, brauste ich auf.
Dass die verehrte Tante und ihre Mama sich gemeinsam gegen sie stellten, beeindruckte A. denn doch. Kleinlaut streifte sie das verhasste Kleid über und ließ sich sogar neu frisieren.
Die Dankandacht
Meine Sorge, es könnten noch weitere Trotzaktionen folgen, erwies sich als überflüssig.Vorn am Altar stand ja wieder der nette Kaplan, den A. ja schon vormittags toll gefunden hatte. Und dann drückte er zum Abschied doch wirklich jedem Kind noch ein kleines Geschenk in die Hand. Es führte wohl dazu, dass meine Tochter ihn daraufhin noch toller fand und sie sogar freiwillig ihr Knie zu einem Knicks beugte. Die Verwandtschaft war darob extrem gerührt, auch diese Stunde für A. endlich überstanden ...