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Reißaus

Von tastifix Donnerstag 09.06.2022, 12:23 – geändert Freitag 10.06.2022, 06:20

Wir warten auf den Zug, der uns zum Urlaubsort, einem winzigen Dörfchen in weiter Flur bringen wird.
„Mit dem Fernglas am Himmel kreisende Raubvögel und Tiere in Wald und Feld beobachten, den Vogelkonzerten lauschen und auch dem Froschquaken zuhören …`
So vor mich hin sinnend, trete ich knapp an die Bahnsteigkante heran, denn mich plagt allmählich die Ungeduld.
„Mensch ,wann kommt der endlich!?“
Und strecke sauer die Hände hoch.

Da klatscht etwas deutlich vernehmbar auf das Gleis vor uns.
„Oh nein!!“
Das hat uns gerade noeh gefehlt. Nach unten zu klettern, wäre zu gefährlich, denn jede Sekunde kann der Zug eintreffen. Hinzulangen klappt auch nicht, ist zu tief.
„Und was nun? Was machen wir denn jetzt?“
„Tjaaa …“, ist der ziemlich wortkarge Kommentar, zeugt von Ratlosigkeit pur.
Wenn uns nicht rasch etwas einfällt, müssen wir den Urlaub vergessen,was immer wahrscheinlicher wird, denn uns fällt so fix nichts ein. Die Gedanken wirbeln nur so im Kopf herum. Außer uns steht hier nur noch ein sehr altes Ehepaar, beide auf Stöcke gestützt.
Deshalb mögen wir sie auch nicht um Unterstützung bitten.

Immer noch starren wir auf das Utensil dort unten. Inzwischen fassen wir vor Ärger und Ratlosigkeit fast keinen klaren Gedanken mehr. Entsetzt beobachten wir, dass jenes Etwas, sehr schräg gelegen, der Schwerkraft folgt und vom Gleis herunter auf die gegenüber liegende Seite rutscht. Dort führt ein schmaler, stark abschüssiger Plattenweg direkt ins Wasser des breiten Flusses entlang unserer Bahnlinie, der dann irgendwann ins Meer mündet.
„Neeiin!“, schreien wir wie aus einem Munde.
Hilflos müssen wir zusehen, wie jenes Ding ins Wasser platscht. Doch es versinkt nicht, sondern wird immer weiter von uns fort getrieben und schwimmt schließlich auf eine entfernte Landzunge zu.
„Hääh??“
Es kommt uns alles sehr spanisch vor.

Durchs Fernglas erkennen wir, dass sich dort Touristen tummeln. Sie halten wohl nach Fischen Ausschau.
„Machen wir ja diese Tage vielleicht auch!“, denke ich.
Auf einmal wird es drüben sehr unruhig. Wie wir durchs Fernglas beobachten, lösen sich zwei Personen aus einer Gruppe und heben jenen Pseudofisch an Land. Details können wir leider nicht erkennen. Doch wächst wieder die Hoffnung, es könne uns jemand bemerken und so wedeln wir mit unseren Mützen und schreien uns die Kehle aus dem Leib. Aber wohl vergeblich! Dennoch gibt mein Mann nicht auf und brüllt weiter.

Ich dagegen bin bereits heiser und blicke nur noch frustriert zum Himmel. Da nehme ich wahr, dass sich zwischen den weißen Wolken der Umriss eines riesigen silbrig blitzenden Handys abzeichnet.
„Ach du meine Güte! Was ist das denn?“, schiele ich verunsichert zur Seite, ob meine andere Hälfte es ebenfalls gesehen hat.
Nein, er schaut gänzlich unbeteiligt.

Wirklich schwebt das Handy auf mich zu,wird derweil ständig kleiner, bis es als ein üblicher Handy-Winzling in meiner Hand liegt. Es schaut aus wie meines.
„Fix, es ist dringend! Meld` Dich!“, bimmelt es, nur für mich vernehmbar.
„Aber … Und woher kennst Du denn …?“
„Nix aber! Guck` auf mein Display!“
Die Nummer ist mir bestens bekannt, ist die unserer Freunde. Mir wird mulmig zumute.
„Hoffentlich ist ihnen nichts zugestoßen!!“, murmele ich etwas lauter.
„Wem??“, fragt es, aufmerksam geworden, neben mir.
Aber ich wähle bereits.
„Hallo??“
Und dann muss ich laut lachen.
„Nee, nicht wahr, oder? Ehrlich? Gibts doch gar nicht!“
Eindeutig sind sie gesund und sehr munter. Ich atme auf.
„Nu sag` schon: Was ist los?“,, forscht mein Mann.
„Rate mal, wer dort drüben steht?“, grinse ich.
„Wieso? Wer denn?“
„Irene und Max. Die hatten wohl die gleiche Idee wie wir. Wir sollen hier warten. Sie kommen rüber!“
Völlig perplex wäre ich sowieso kaum in der Lage, mich von der Stelle zu rühren.

Da meldet sich nochmals leise das Handy:
„Ich muss zurück! Machs gut!“
Schon will es starten.
„Warte mal! Musst Du denn nicht besser noch schnell neu aufgeladen werden? - Ich meine: Es ist ja ein langer Flug bis dort oben!?“
Es antwortet mit hellem Bimmeln:
„Danke, aber nicht nötig, hat vorhin schon Engel Gabriel gemacht!“
Ich sehe ihm nach, wie es davon fliegt und dabei wieder größer und größer wird. Nach nur wenigen Sekunden ist es nicht mehr zu sehen.Unwillkürlich sage ich mir im Stillen:
´Deshalb also! Erzengel Gabriel hat es geschickt! - Dankeschön!!“
In meiner Fantasie sehe ich ihn vor mir, meinen Schutzengel mit dem lieben Gesicht und den wunderschönen Flügeln und höre ihn sagen:
„ Klar doch, ich werde Dir immer helfen!“
Zum Abschied winkt er mir noch mit den Flügeln zu. Dann verflüchtigt sich sein Bild.

Von all dem ahnt mein Mann nichts und guckt währenddessen nur suchend umher, wo unsere Freunde bleiben. Nach knapp zehn Minuten sind die Zwei da. Fröhlich ziehen sie etwas hinter sich her. Es ist tatsächlich mein Koffer!!
„Wir haben das Schildchen entdeckt und dann gesehen, dass Ihr gewunken habt.“
„Und wohl gebrüllt wie die Irren!“, ergänzt Max feixend.
„Aber - es ist kaum zu fassen: Der Koffer ist völlig unbeschädigt und war staubtrocken!!“, murmeln sie nachdenklich.
Ich schweige und lächele nur.

Wie wir feststellen, haben wir unsere Ferienwohnungen in dem selben Dorf gebucht und verbringen dann einen tollen Urlaub miteinander.

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