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Raschels große Reise

Von tastifix Donnerstag 09.09.2021, 08:54 – geändert Dienstag 10.10.2023, 09:47

Im eisigen Winter hatte Mutter Baum nackt und knorrig dort gestanden. Aber dann wechselte das Wetter ...

Die Sonne verwöhnte zunehmend kräftiger Mensch, Tier und Pflanze und kündigte so den Frühling an. Bereits nach wenigen Tagen sprossen überall an den Ästen und Zweigen zartgrüne Knospen. Es zauberte ein frohes Lächeln auf die Gesichter der Menschen.
„Endlich ist der dunkle Winter vorbei!“, atmeten die Erwachsenen auf.
„Mama, wie niedlich das aussieht!“, freuten sich die Kinder.

Sonnenstrahlen wärmten die jungen Blätter, der Wind streichelte sie sanft und erzählte ihnen über das Leben:
„Wunderschön werdet Ihr sein und Eure Mutter als prächtige Laubkrone schmücken!“
„Ooh!“, staunten die Kleinen.
„Dann möchte ich ganz schnell wachsen!“, murmelte eines und probierte sofort aus, ob es seine Spitze schon entfalten konnte.
„Noch bist Du dafür zu jung, Raschel!“, schmunzelte Mutter Baum wegen der Ungeduld des Kleinen. „Aber es wird eher soweit sein, als Du jetzt denkst. Warte nur ab …“

Mutter Baum behielt recht. Die winzigen Blätter entwickelten sich zu satt grünen Jungblättern. Inwischen wussten sie um Sonne und Wärme, Wind und Kühle, Regen so wie auch Blitz und Donner und hatten auch die Menschen kennen gelernt. Nun im Frühling kamen viele Spaziergänger längs des Weges und blieben bewundernden Blickes vor Mutter Baum stehen.
„Welch schöner Baum! Wie toll er aussieht mit seinem dichten Laub!!“
Auch die Kinder mochten Mutter Baum. Um ihn herum tanzten sie Ringelreihen und spielten Fangen.
„Lieber Baum!“, sagten sie.

Bald löste der Sommer den Frühling ab. Es wurde noch wärmer und schließlich heiß. Raschel und seine Geschwister, erwachsen geworden, streckten sich der Sonne im frischen Grün entgegen. Die Menschen ließen die Arbeit ruhen und suchten Erholung in der Natur. Oft genossen sie die Kühle unter Mutter Baum`weit ausladendem Laubdachfächer. Die Kinder vergnügten sich kreischend und lachend in dem Planschbecken, dass die Eltern für sie aufgestellt hatten.
„Puuh, ist das heiß! Wie gut, dass hier Schatten ist!“
Raschel freute sich an den fröhlichen Kleinen.
„Ohne uns würde es gar keinen Schatten geben!“, raschelte er de Geschwistern zu.
Diese wiegten sich zustimmend im Winde. Mutter Baum betrachtete ihren Nachwuchs zärtlich:
„Ihr seid sehr tüchtig. Ich bin ja so stolz auf Euch!“

Doch auch der schönste Sommer geht einmal zu ende. Der Herbst zog ins Land. Es wurde kühler, dunkle Wolken jagten am Himmel, Regen prasselte, an manchen Tagen hagelte es gar. Dann fegten heftige Stürme über Stadt und Feld. Die Blätter klammerten sich an ihre Zweige. Noch trotzten sie dem an ihnen wild herum zerrenden Wind. Die Meisten trugen bereits ein gelbes oder auch rotes Herbstkleid und die Ersten begannen schon zu welken. Nun schlenderten keine Spaziergänger mehr vorüber, denn die Menschen flüchteten in die Wärme der Häuser.

„Mama, ich hab Angst!“, rief Raschel. „Ich kann mich kaum mehr festhalten!“
Mutter Baum seufzte.
„Jetzt ist die Zeit gekommen, dass ich es ihnen sagen muss …“
Sie wandte sich Raschel zu und bemühte trotz sich des dunklen Geheimnisses, dass sie mit sich trug, ihm Mut zuzusprechen:
„Fürchte Dich nicht. Bald wirst Du eine große Reise machen.“
„Reise, Mama? Aber, wohin denn??“, fragte Raschel verwundert.
„Der Wind wird Dich mit sich nehmen und durch die Luft tanzen lassen. Es kann sein, dass er Dich weit fort trägt und Du sogar fremde Städte und Länder sehen wirst. Vielleicht taumelst Du aber auch schnell zu Boden. Wer weiß …“

Die Tage vergingen und Raschels Blattränder kräuselten sich allmählich. Wie die Geschwister war auch er inzwischen dunkelrot gefärbt. Seine Kräfte schwanden mehr und mehr. Eines Morgens jammerte er:
„ Mama, ich kann nicht mehr! Der Sturm!!“
„Nun ist es soweit. Gute Reise, mein Kind!“
„Und was wird jetzt werden?“
„Als ein Teil der Natur wirst Du eine wichtige Aufgabe erfüllen.“
„Welche denn?“
„Wir gehorchen dem Kreislauf des Lebens. Es ist ein ewiges Entstehen und Vergehen. Ihr werdet die Wege mit wunderschön rot goldenen Laubteppichen schmücken und die Menschen, die an Herbsttagen so gerne durch leise raschelndes Laub wandern, verzaubern und ins Traumland entrücken. Dort vergisst ihre Seele alle Probleme sowie Sorgen und fühlt sich ganz leicht und froh.
Sie schwieg einen Moment.
„Doch bald werdet Ihr zerfallen und …“
„Und das wird dann das Ende sein …?“, hauchte Raschel ängstlich.
„Es ist das Ende und ein Anfang. Denn so kann wieder neues Leben sprießen.“

Da, plötzlich riss eine Windböe das Blatt von seinem Zweig, blies das wehrlose Etwas hoch in die Luft und trug es fort von Mutter Baum.
„So wird es immer wieder sein!“, dachte diese wehmütig.
Derweil wirbelte der Sturm Raschel ständig weiter über Städte und Felder, Wiesen und Wälder. Als er dann irgendwann und irgendwo zu Boden fiel, war sein letzter Gedanke:
„Es ist schlimm, dass ich jetzt sterben muss. Aber es werden wieder viele neue Pflanzen wachsen, hat Mama gesagt und sie hat vor allem gesagt, dass ich so meinen Teil dazu beitrage. Das macht mich trotzdem noch ein bisschen froh und stolz!“

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