Pappkartons und eine tote, untote Oma (4)
Von
tastifix
03.07.2022, 10:20 – geändert 03.07.2022, 17:46
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
tastifix
03.07.2022, 10:20 – geändert 03.07.2022, 17:46
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Blendender Laune setzte sie sich dann zwischen ihre Freundinnen an die Kaffeetafel.
„Ottilie, meine Güte, wie hübsch gedeckt!“, entzückte sich Amalie.
„Dieser reizende Heiligenschein über der Tasse passt wirklich umwerfend zu meinem eigenen!“, freute sich Minna lautstark, die sonst eigentlich die Stillste der Vier war.
„Und erst die Torte, meine Liebe! Köstlich!“
K. staunte Bauklötze. Der Appetit der Geisteromarunde war beachtlich, das bewundernswerte Ergebnis der himmlischen großmütterlichen Backkunst fix verspeist.
„Und diese knackigen Gewürzdosennüsse. Ich hätt` mich ja tot daran futtern können!“, schwärmte Esmeralda und Tusnelda nickte dazu.
„Brauchste nicht, biste ja schon!“
Die Runde prustete los. Danach tauschten die Fünf den neuesten Himmelstratsch aus und fanden dabei kein Ende. In einer kurzen Schnatter-Atempause mahnte Oma Otilie wegen des eigentlichen Grundes dieses Treffens:
„Kinder, uns bleibt nur noch ´ne halbe Stunde! Los, jetzt wird gearbeitet!“
„Wie??“, fragte unsere Tochter.
„Mach` Dir keine Sorgen, Kind! Deine Wohnung wird super ausschauen!“ ...
Die himmlische Truppe ließ K. einfach stehen. Amalie verschwand in die Küche, Esmeralda, Tusnelda, Minna samt Oma huschten ins Wohnzimmer. Deren Enkelin geriet arg in Panik, denn aus beiden Räumen klapperte und klirrte es verdächtig.
„Oma, was macht Ihr dahaah … !?“
„Kind, aufräumen und vernünftig sortieren. Dieses Chaos auf Deinem CD-Regal. Tz, tz!“
Verärgert lief K. ins Wohnzimmer und erkannte es fast nicht wieder. In irrem Wirrwarr lagen ihre geliebten Sting-CDs auf dem Teppich herum. Statt derer reihten sich in den Regalen Himmelschor- sowie Trompetenkonzert-CDs ordentlich aneinander und zwischen je zehn von denen standen kitschige Engelsfiguren oder lehnten Heiligenbilder.
„Hiilfe!“, japste unsere Tochter.
„Ist ja bereits da!“, tröstete Oma.
„Und wir sind gleich schon fertig!“, ergänzte Esmaralda.
Derweil widmete sich Tusnelda einigen Umräumarbeiten in diversen Schubläden, was K. endgültig auf die Palme brachte:
„Was fällt Euch denn ein? Hier in meiner Wohnung!!??“
„Du wirst uns noch dankbar dafür sein!“, belehrte diese sie. „Übrigens hat Amalie soeben die Küche auf Vordermann gebracht.“
„Abaa ...“, protestierte K. .
„Nix aber!“, wies Oma sie zurecht, schnappte sich ihre Enkelin und zog sie, leise ein paar geheimnisvolle Worte murmelnd, ins Schlafzimmer. Beunruhigt dachte K. unwillkürlich an ein bestimmtes Kinderbuch und beruhigte sich dann mit:
´Solch ein Quatsch! Oma ist keine Oberhexe und Walpurgisnacht haben wir auch nicht!`
Soviel war ihr in all dem Unklaren noch klar. Immerhin.
„Na, cool, nüch?”
Zögerlich musterte K. den Raum und übersah gelassen all die Nippes in den Ecken, war solchen Anblick inzwischen ja gewohnt. Aber dann - jene Bettwäsche! Nein, prompt war unsere Tochter schwer beleidigt. Oma hatte nämlich die Sting-Bezüge gegen wahrlich extra aparte Ausgaben ausgetauscht. Sowohl auf dem Kopfkissen als auch auf der Decke prangte ein Gruppenbild mit fünf K. jetzt sehr bekannten Damen. Es versöhnte unsere Tochter keinesfalls, dass vor allem Oma darauf ausgesprochen gut getroffen war. Zudem streifte K.`s Blick danach noch Stings großes Portrait über dem Bett. Dessen vier Ecken schmückten tatsächlich Kerzen tragende Engel. Unsere Tochter wurde echt sauer.
´Darf doch nicth wahr sein!!`
Aber Stings Outfit versetzte sie dagegen in Hochstimmung. Auf dessen Gesicht lag ein seliges Lächeln, hervorragend passend zu dem Heiligenschein über seinem Kopf.
„Wow!!“
Prompt waren für den Moment die Kerzen tragenden Engel vergessen.
„Super, nüch!?“
„Oma, einfach himmlisch!!“, jubelte K., fasziniert das Bild betrachtend.
Leider fiel ihr aber etwas auf: Stings Heiligenschein war genauso angedunkelt wie zuvor Omas.
„Wieso das denn??!“, brauste sie auf.
„Kind, man darf es mit der Schwärmerei nicht übertreiben!“
K.`s Verehrung für ihre Oma erlitt einen erheblichen Knacks.
Von der Kirchturmuhr schlug es 1Uhr.
„Schnell, wir müssen zurück!“, drängte Oma.
Ihre vier Freundinnen kontrollierten fix den ordnungsgemäßen Sitz der Heiligenscheine und strichen K. zum Abschied liebevoll übers Haar, wie dann zuletzt auch Oma.
„Den Rest erledigen wir noch!“, kündigte diese fröhlich an.
„S..Soll das etwa h..heißen, dass Ihr … ?“, hoffte ihre Enkelin sich verhört zu haben.
Oma ignorierte es einfach.
„Tschüss Kind und grüß` zuhause!“, meinte sie nur.
Und schon war die himmlische Truppe verschwunden.
Völlig durcheinander dachte K. an ´Wenn was ist, ruf an!` und griff zum Handy:
„Mama, Oma war gerade hier. Ich soll Euch grüßen ... “
Am nächsten Morgen, noch nicht ganz wach, erinnerte sie sich des verrückten nächtlichen Geschehens, stand verunsichert auf und wankte durch alle Räume..In denen herrschte das selbe Chaos wie am Abend zuvor und K. atmete auf:
„Puuh! Aber immer noch besser als Himmelschor-CDs und Heiligenbilder auf ´nem Regal!!“