OP-brutale
Von
tastifix
Montag 12.07.2021, 04:52 – geändert Montag 12.07.2021, 17:17
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tastifix
Montag 12.07.2021, 04:52 – geändert Montag 12.07.2021, 17:17
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Am anderen Ende der Leitung hängt ein total verzweifeltes Etwas:
„Mama, schluchz!"
Die zittrige, dünne Stimme gehört meiner Ältesten, und das ´Schluchz` bedeutet, dass es um Leben oder Tod geht.
„Kleines, was ist passiert?"
„Püchen ist, heul, vom Schrank geplumpst, schnief, und jetzt hat er nur noch ein Auge. - Mamaa!!"
Es klingt wie das SOS in Erwartung des drohenden Weltunterganges. Kein Wunder, denn sie zählt ja erst achtzehn Jahre und der gefallene Unglücksrabe ist ihr Teddybär, der früher mal meiner war.
„Mama, bitte hilf ihm. Es ist ja soo fuurchtbar, heuul ..."
´Noch schlimmer kann der Weltuntergang auch nicht sein!`- „Komm rüber und bring mir den kleinen Patienten. Haste das Auge denn wieder gefunden?"
„D..das ist untern Schrank gekullert. Ich bin drunter gekrabbelt und hab es mit der Krücke vom Regenschirm hervor gefischt, schnief."
´Des Regenschirmes!`, korrigiere ich im Stillen.
In Anbetracht der dramatischen Situation schweige ich jedoch dazu. Nach einer kurzen Pause redet sie ein bisschen munterer:
„Püchens zweites Auge hat bei dessen Anblick richtig gestrahlt!"
Für ihre Fantasie kann sie nichts. Die hat sie von mir.
Eine halbe Stunde später klingelt es. Vor mir steht meine Tochter mit dem bedauernswerten Teddy auf dem Arm und bemüht sich um ein tapferes Tränenunterdrücken, was ihr erstaunlich gut gelingt. Hm, der Unfall ist ja auch schon fast eine Stunde her. Selbst Püchen wirkt nicht mehr frustriert. Vielleicht überwiegt in diesem Augenblick ja die Wiedersehensfreude mit mir, seinem Ex-Frauchen. Sein linkes Auge blitzt mich schelmisch an. Das andere kann dies nicht. Es ist ja nicht mehr dort, wo es hin gehört. Verblüfft mustere ich den kleinen Rucksack auf Püchens Rücken.
„Weshalb bringt er den denn mit?"
„Da ist sein rechtes Auge drin. So geht es wenigstens nicht verloren!"
Erschrocken ob dieser Anmerkung geleite ich die Zwei schnell in die Küche und krame den Cappuchino sowie die Büchsenmilch aus dem Schrank. Den Kaffee für meine Kleine und die Büchsenmilch für Püchen als Trostleckerei. Beide schlürfen mit Begeisterung und beruhigen sich allmählich. Als der Puls meiner Tochter sich wieder normalisiert hat, schicke ich sie gen Heimat:
„Mama, du gibst mir aber sofort Bescheid, falls ... "
„Selbstverständlich, Kind!", schiebe ich sie bemüht ernster Miene zur Tür hinaus, schließe diese fix hinter ihr, verdrehe die Augen zur Decke und grinse. Irgendwie erscheint mir das Ganze so verrückt …
Doch genauso schnell werde ich wieder ernst und finde das Ganze äußerst tragisch. Besorgt eile ich zurück in die Küche, in der Püchen vor dem Kühlschrank hockt und sich mit der Zunge übers Maul leckt. Wahrscheinlich denkt er, dass es, wenn er es nur lange genug macht, noch mehr Büchsenmilch regnet. Aber vor einer Operation muss er nüchtern bleiben. Ihm dies aber erklären zu wollen, wäre blödsinnig.
So bereite ich nur rasch alles für den komplizierten Eingriff vor. Der Küchentisch avanciert zum OP-Tisch. Püchen verschwindet, wie es sich bei einer Operation geziemt, unter riesigen grünen Servietten, die allein die leere Augenhöhle frei lassen - unumgänglich sowie äußerst wichtig, denn wo sonst soll ich das arme Guckinstrument implantieren? Unter der Hinterpfote würde es reichlich deplatziert wirken. Es ist ja kein Hühnerauge. Erschüttert starre ich einen Moment lang auf das traurige Loch.
„Keine Angst, das haben wir gleich!“, suggeriere ich dem wie gelähmt dort liegenden Bären.
Keine Antwort. Hat er bereits mit dem Leben abgeschlossen?
Die Zeit eilt. Ich streife die Gartenhandschuhe über und stülpe mir zusätzlich den größten der Fingerhüte über den Zeigefinger der rechten Hand. Teddys Haut ist ja dick und eine Ledernadel sticht nicht nur mit dem unteren Ende. Ich stutze. Etwas Wesentliches fehlt noch, aber was bloß? Ach ja, richtig: Noch ist der Bär bei vollem Bewusstsein.
´Nee, so nicht!` - „Entschuldige, Püchen, aber es muss jetzt sein!“, flüstere ich dem armen Kerl zu und verpasse ihm eine gepfefferte Backpfeife.
Sein linkes Auge mustert mich für einen Moment vorwurfsvoll. Dann kippt der Kopf zur Seite, der Patient befindet sich im Traumland. Die wahrlich äußerst liebevolle Narkosemethode ist umwerfend gewesen.
„Garantiert nascht der dort jetzt eimerweise Büchsenmilch, während ich mich hier abmühe!“
Mit kräftigen Stichen nähe ich das Auge wieder an. Hoffentlich habe ich ihn jetzt nicht dazu verdonnert, in Zukunft schielend herum zu tapsen. Vorsichtig hebe ich die Serviette ein wenig an. Nein, der Eingriff ist geglückt, das Auge sitzt an der richtigen Stelle. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Die nachlassende Anspannung führt dazu, dass ich urplötzlich irritiert bin. Für einen kurzen Augenblick überfällt mich ein zweites Mal die Realität und damit zugleich die schockierende Erkenntnis:
„Ich habe soeben einem Stück Stoff mit Sägespanfüllung eine runter gehauen!“
Ich bin entsetzt. Aber, bevor ich mich noch selber für Irrenhaus reif erklären kann, verwischt ein mitleidiger Blick auf das Zotteltier erneut den für die Wirklichkeit.
´Ob Püchen wohl Wundschmerzen kriegen wird?`
Pflichtbewusst rufe ich meine Tochter an. Anscheinend hat sie sich vor lauter Sorge um den Teddy nicht vom Telefon weg gerührt.
„Mama, ist wirklich alles okay?“
Ich versichere ihr, dass es dem Bären gut geht und merke, es belastet sie noch etwas. Und richtig:
„Mama, Du hast ihn aber nicht etwa ohne Betäub... !!?“
„Für wen hältst Du mich eigentlich …!??“
Stille in der Leitung. Es bleibt so still, dass ich davon ausgehe, es ist gut, dass ich nicht weiß, was sie denkt. Um allen ungerechtfertigten Zweifeln an meinem Charakter vorzubeugen, schleudere ich ihr, vielleicht ein wenig zu heftig, entgegen:
„Selbstverständlich habe ich ihm vorher eine geklebt!!“
Hätte ich es besser anders formulieren sollen?? Denn diesmal herrscht eisige Stille.Wenige Sekunden später gellt mir ein unkontrollierter, irre wütender Aufschrei entgegen:
„Also wirklich, Mamaa!!!“
Das Telefonat ist beendet.